Kultur : Der Anti-Machiavell

Friedrich der Große als Philosoph: zum Auftakt der Potsdamer Ausgabe

Bernhard Schulz

An keinem Geringeren als Machiavelli maß sich Friedrich II. von Preußen, noch zu Lebzeiten „der Große“ genannt, um seine eigene Staatslehre zu entwickeln. Er tat es in Form der Widerlegung des „Principe“, und 1740, im Jahr seines Regierungsantritts, erschien, besorgt vom Philosophenfreund Voltaire, „L’Antimachiavel“. Darin schreibt der junge Regent, dass „der Herrscher, weit davon entfernt, der unumschränkte Gebieter der Völker zu sein, die unter seiner Herrschaft stehen, selbst nur deren erster Diener ist“. Wie hat sich diese Formulierung in das Kollektivgedächtnis eingegraben, als Leitmotiv preußischer Staatsauffassung, preußischer Ethik!

Doch noch im selben Jahr 1740 fiel Friedrich in Schlesien ein, das er im Siebenjährigen Krieg endgültig sichern konnte. Es sei „grundfalsch, zu behaupten, ein Fürst könne ungestraft Böses tun“, heißt es demgegenüber im „Antimachiavel“, und Friedrich verstand darunter: „Sein Ansehen in der Welt wird dahin sein“. Nun, Friedrichs Ansehen wuchs stattdessen ins beinahe Unermessliche, und die Janusköpfigkeit des verstandesgezügelten Monarchen und waghalsigen Feldherren hat dem keinen Abbruch getan. Nach dem Siebenjährigen Krieg ließ Friedrich am Rande des Parks von Sanssouci das Neue Palais errichten, groß und prächtig, der Erinnerung an die Siege angemessen, mit denen Friedrich den Rang Preußens als europäische Großmacht begründet hatte.

In einer erlesenen Zimmerflucht im Neuen Palais wurde jetzt der erste von zwölf Bänden der Potsdamer Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen vorgestellt. Hauptstück der „Philosophischen Schriften“ ist „L’Antimachiavel“, in französischer Sprache geschrieben und so auch in dieser zweisprachigen Ausgabe im Originaltext abgedruckt, dem auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eine neue Übersetzung beigegeben ist.

Die Redner dieser Buchvorstellung in kleinem, geradezu intimem Kreis, zwei von ihnen Mitherausgeber der Werkausgabe, der dritte gleichfalls Potsdamer Hochschullehrer, taten alles, um nur ja keine Friedrich-Nostalgie aufkommen zu lassen. Lohnt sich die Edition? Nicht, so Mitherausgeber Günther Lottes, „wenn wir Friedrich zur Wiederbelebung einer nationalborussischen Tradition benutzen wollten“. Nein, „wir wollen ihn vor der ,Verfritzung‘ retten!“ Noch radikaler der Historiker Peter-Michael Hahn: Preußen sei „ein fataler Irrweg“ gewesen und „Irrbilder über Kultur und Reform“ könnten dies „nicht vergessen machen“.

Starker Tobak; weit stärker als jener, den Friedrich aus seinen feinziselierten Tabaksdosen zu schnupfen pflegte. Wer, wie Hahn, das heutige Interesse an Preußen „nur außerhalb der Wissenschaft“ zu finden vermag, muss in einem Zustand von Schreckstarre leben. Zählt Christopher Clarks großartige Darstellung „Preußen – Aufstieg und Niedergang“ nicht dazu? Natürlich kann man, wie Hahn, herablassend formulieren, dass Preußen lediglich „eine dynastische Herrschaftsbildung mit regionaler Ausrichtung unter vielen“ gewesen sei. Dass damit jedoch Leistung und Eigenart des Willensstaates Preußen zu erfassen wären, wird man wahrlich nicht behaupten können.

Zum Glück geht es nun, mit dem allmählichen Erscheinen der Werke von Fréderic le Grand, um den geistigen Horizont des Königs, der als „philosophe d’outre-Rhin“ stets seine Zugehörigkeit zur französischen Geisteswelt betonte. Die umfangreichen Anmerkungen der Ausgabe sollen sichtbar machen, was der „philosophe de Sans-souci“ gelesen, worüber er korrespondiert hat, was ihm – nicht zuletzt in den aufkommenden Naturwissenschaften – geläufig war und woraus sich sein erstaunlicher Bildungsschatz speiste. So wagte sich Friedrich 1770 an eine Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Materialismus, ließ seine Streitschrift jedoch ungedruckt, um nicht, wie er an Voltaire schrieb, „Frömmler schockieren“ zu müssen.

Friedrich der Große war von Anfang an darauf bedacht, seinen Ruhm zu Lebzeiten zu steuern, ja zu inszenieren. Er entwarf bewusst das Bild des aufgeklärten Monarchen, der doch zugleich als leibhaftiger Feldherr an der Spitze seines Heeres die antiken Tugenden von Mut und Tapferkeit wiederbelebte. Aus dieser Doppelnatur des Denkers und Draufgängers erwuchs sein Ruhm, dem freilich in wilhelminischer Zeit, ein Jahrhundert nach seinem Tod 1786, ein nationaler Antrieb unterschoben wurde, wie ihn Friedrich weder besaß noch überhaupt hätte entwickeln können.

In vier Jahren wird der 300. Geburtstags Friedrichs des Großen zu begehen sein. Ob dann „der Streit um die Deutungshoheit über Friedrich und über Preußen erneut entbrennen wird“, wie das Vorwort zu den „Philosophischen Schriften“ mutmaßt? Wohl kaum. Preußen spielt heute, insoweit haben dessen Verächter recht, für eine nationale Identitätsbildung keine Rolle mehr. Wohl aber spielt es eine Rolle beim Nachdenken über das Verhältnis von Staat und Kultur. Friedrich der Große jedenfalls gehört zur schmalen Zahl derjenigen, die „sich gleichermaßen anerkannt in den Welten der Macht und des Geistes bewegt“ haben, wie es im Vorwort der „Philosophischen Schriften“ heißt. Die Potsdamer Ausgabe – das lässt sich bereits zum ersten Band sagen – ist ein großer Gewinn.

Anne Baillot/Günter Lottes/Brunhilde Wehinger (Hrsg.): Friedrich der Große – Potsdamer Ausgabe. Akademie Verlag, Berlin. – Philosophische Schriften, 524 S., 49,80 €. – www.akademie-verlag.de

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