Kultur : Der apollinische Meister

UWE FRIEDRICH

Seinen berühmtesten Fernsehauftritt hatte Bernard Haitink in der BBC-Serie "The House" über das Londoner Opernhaus Covent Garden.Da machte der Generalmusikdirektor kein Hehl aus seiner Abneigung gegen das Regiekonzept von Richard Jones für die Neuinszenierung von Wagners "Ring des Nibelungen".Inzwischen ist dieser "Comic-Ring" ein Klassiker.Bernard Haitink hat die künstlerische Leistung von Richard Jones und seinem Bühnenbildner Nigel Lowery längst anerkannt, aber das Image des Konservativen, in England durchaus als Lob zu verstehen, haftet an ihm.Dabei setzt Haitink sich durchaus für lebende Komponisten ein, wichtige Uraufführungen fanden unter seiner Leitung in London und Amsterdam statt.

Heute vor siebzig Jahren wurde Bernard Haitink in Amsterdam geboren.Als Kind lernte er Geige, und seine erste Anstellung als Profimusiker hatte er als Violinist bei der Niederländischen Radiophilharmonie.Dort nahm er 1954-55 an zwei Dirigierkursen teil, wo Ferdinand Leitner auf ihn aufmerksam wurde.Mit 27 übernahm er als Chefdirigent die Radiophilharmonie.

1956 sprang Haitink in letzter Minute als Dirigent des Cherubini-Requiems ein beim Amsterdamer Concertgebouw Orkest.Sein sensationeller Erfolg führte zu weiteren Einladungen und nach dem Tod van Beinums wurde er 1961 zum jüngsten Chefdirigenten dieses Orchesters ernannt, zusammen mit Eugen Jochum.Von 1964 bis 1988 leitete er das Concertgebouw Orkest, und aus dieser Zeit resultiert die bis heute andauernde tiefe Bindung an dieses Orchester.Neben Amsterdam wurde London ein Schwerpunkt seines Berufslebens.Nach seinem Englanddebut mit dem Concertgebouw Orkest wurde Haitink zunächst Gastdirigent beim London Philharmonic Orchestra, von 1967 bis 1979 war er dort auch Chefdirigent und künstlerischer Leiter.Mit diesen beiden Orchestern entstehen seine bedeutendsten Aufnahmen, unter anderem mit den Symphonien Mahlers und Bruckners sowie den Lisztschen Tondichtungen.

Als er 1987 Musikdirektor von Covent Garden wird, gibt er seine Position beim Concertgebouw Orkest auf, denn nun sieht er sich ganz im Dienst des stets gefährdeten Opernhauses.Ähnliche Hingabe aber auch Fairneß im Umgang erwartet Haitink auch von seinem Umfeld.Als er von den massiven Kürzungs- und Umstrukturierungsplänen der Londoner Oper durch ein anonymes Fax mit der Randbemerkung "Das könnte Sie interessieren" erfuhr, trat er umgehend von seinem Amt zurück, weil er unter diesen Bedingungen nicht arbeiten könne.Nur mühsam konnte er bewegt werden, wieder auf seinen Posten zurückzukehren.

Wenn er im kommenden Herbst die renovierte Royal Opera mit Wagners "Meistersingern" wiedereröffnet, wird sich mancher wundern, wie unspektakulär Wagner klingen kann, denn bei Haitink sind alle Details sicher im symphonischen Fluß aufgehoben.Deshalb wird Haitink gerne als "apollinisch" beschrieben, der reine Schönklang gehe ihm über alles.Das stimmt nur insofern, als er den schönen Klang nie billigen Effekten opfern würde, doch entwickeln gerade seine Operndirigate genau dadurch einen sanften Sog, der die Zuhörer in Bann zieht.Das gilt auch für die Musiker: Wenn Haitink die Berliner Philharmoniker dirigiert hat, spielen die Musiker oft noch lange danach besonders schön.

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