• Der Architekt baut anders: ein Balken-Labyrinth für die Expo 2000, ein kostspieliges Filigranwerk für die Berliner "Topographie des Terrors"

Kultur : Der Architekt baut anders: ein Balken-Labyrinth für die Expo 2000, ein kostspieliges Filigranwerk für die Berliner "Topographie des Terrors"

Man hat Sie häufig als Minimalisten bezeichne

Am heutigen Montag steht er im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses erneut auf der Tagesordnung: Peter Zumthors Entwurf für ein Ausstellungsgebäude zur "Topographie des Terrors", das statt ursprünglich 45 Millionen Mark nun 70 Millionen kosten soll und deshalb mit einem Baustopp belegt ist. Über die Ursachen für die Fehlkakulation des von filigranen Stelen aus weißem Beton geprägten Baus ist ein Streit zwischen Architekt, Bauverwaltung und den ausführenden Firmen entbrannt (Tagesspiegel vom 11. März). Am kommenden Mittwoch ist der Schweizer Architekt in anderer Angelegenheit in der Hauptstadt: Er wird am Abend in der Akademie der Künste den von ihm entworfenen Schweizer Pavillon für die Expo 2000 vorstellen. Das aus aufeinander geschichteten Balken bestehende Labyrinth feierte am vergangenen Freitag Richtfest in Hannover. Zumthor, 1943 in Basel geboren, arbeitete zunächst als Denkmalpfleger; sein 1979 gegründetes Architekturbüro machte sich mit wenigen, aber exzellent ausgeführten Bauten schnell einen Namen. Sein Thermalbad in Vals und das Kunsthaus in Bregenz wurden zu Wallfahrtsorten für Architekturliebhaber. Am Dokumentationszentrum für die "Topographie des Terrors" arbeitet Zumthor seit seinem Wettbewerbserfolg 1993. (d. Red.)

Man hat Sie häufig als Minimalisten bezeichnet. Würden Sie sich diesen Schuh anziehen?

Der würde gut zu Giorgio Armani passen. Ich kann mit dem Begriff Minimalismus nichts anfangen. Wer meine Gebäude anschaut, sieht hoffentlich mehr. Ich mag das Elementare und versuche, die Komplexität aus elementaren Setzungen zu gewinnen.

Wovon ist Ihr Hang zum "Elementaren" geprägt worden?

Vieles hat mit der "Bauhaus-Lektion" zu tun. Nach der Lehre als Möbelschreiner bei meinem Vater, kam in Basel die Kunstgewerbeschule - die sich heute Hochschule für Gestaltung nennt. Die Lehrer stammten zum Teil noch aus dem Bauhaus. So wurde mir die Pionierzeit der Klassischen Moderne ganz direkt vermittelt. Zehn Jahre später folgte die Begegnung mit der Kunst der sechziger und siebziger Jahre und mit Tessiner Kollegen, die alle zehn Jahre älter waren als ich. Wir waren Linke und sind es auch geblieben, haben aber unterschiedlich reagiert. Luigi Snozzi hat zum Beispiel verkündet: "Wir überlassen das Bauen nicht den Spekulanten!" Wir in der deutschen Schweiz sagten: "Wir verändern erst die Gesellschaft, bevor wir an Formen denken."

Nach dem Studium wurden Sie, statt die Gesellschaft zu verändern, Denkmalpfleger.

Das war damals politisch korrekt, das konnte man tun. Und ich bereue es nicht. Als junger Architekt zusammen mit einem Kunsthistoriker in diesem kleinen Denkmalpflegebüro im wunderbaren Kanton Graubünden! Ich liebe Dinge, die schön gearbeitet sind. Vielleicht liegt es an meiner Möbelschreiner-Herkunft, aber ich hatte auch als Bub schon Freude an schön gemachten Dingen. Später habe ich mit meinem Vater gestritten, der die Objekte immer nur an der Schauseite attraktiv machte und an der Rückseite auf Qualität keinen Wert legte.

Sie gelten nicht als Architekt, der Formen aus der Umgebung benützt und sie in die Umgebung harmonisch einbindet, sondern Sie entwickeln selbstbewusste Artefakte, die konkrete Aussagen oder simple Bildhaftigkeit vermeiden. Gilt dies auch für Ihren Entwurf für das Berliner Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors"?

Ja, ich kam auf das Gelände der "Topographie" und dachte, für diesen Ort ein Gebäude zu bauen, das geht einfach nicht. Der Ort soll sprechen, und es ergibt keinen Sinn, ein Gebäude dann wegen des "Terrors" betonbunkerhaft oder sonstwie hässlich zu gestalten oder mit irgendwelchen Symbolen aufzuladen. Die würden nur den Zugang erschweren. Man müsste im Kopf erst einmal die Vorstellung eines "gebauten Kommentars" beiseite räumen. Auch die Vorstellung, es könnte aussehen wie ein normales Museum, war mir fremd angesichts der Thematik. Und so haben wir experimentiert, mit Schichtungsmodellen und Reihungsmodellen, mit formal äußerst reduzierten Konstruktionen.

Diese formale Reduktion geht aber nicht mit einer Reduktion der Baukosten einher.

Nun hat das Berliner Abgeordnetenhaus mit einem Ausgabenstopp den Weiterbau unterbrochen. Welche Konsequenzen hat das für Ihre Berliner Arbeit?

Momentan keine. Die Ermittlung der definitiven Kosten ist gegenwärtig ohnehin im Gange.

Wo könnten denn Kosten noch reduziert werden?

Es gibt noch Einsparmöglichkeiten beim Innenausbau und durch eine Bereinigung der Nachforderungen der Rohbaufirma auf eine sachlich und fachlich vernünftige Höhe.

Auf der Expo 2000 in Hannover wird gerade Ihr Schweizer Pavillon errichtet. Gehorcht dieser Bau, der ja ausschließlich aus lose aufeinander gelegten Holzbalken besteht, dem selben Prinzip der Reduktion?

Es ist immer ein Spiel. Ich liebe Materialien, elementare Bauprinzipien - in jedem Bauwerk steckt eine neue Lust, etwas zu verdichten. Beim Expo-Pavillon der Schweiz ist es die Lust, wieder einmal mit Massivholz zu arbeiten, das Schwellen und Schwinden des Holzes, das Verwinden, das Ungeliebte zum Thema des Entwurfs zu machen. Es ist ein Haus, das mit der Zeit durch Schwinden der gestapelten Balken niedriger wird und das Spannfedern braucht, damit es immer noch trägt. Die Balken sind unbehandelt und haben keine Löcher. Es gibt vier Längen, 90 Prozent der Balken sind viereinhalb Meter lang. Es ist das Prinzip des Holzlagers. Frisch geschnittenes Holz wird gestapelt und getrocknet. Nach der Ausstellung kann man das Föhren- und Lerchenholz erwerben. Das ist das eine: Holz als biologische Masse, 3000 Kubikmeter Holz. Das andere ist das elementare Prinzip der Schichtung, des Stapelns. Ich bin beeinflusst von der amerikanischen Kunst der sechziger und siebziger Jahre, von Donald Judd, Bruce Nauman, Richard Serra. Ich habe immer gedacht, da lerne ich viel als Architekt.

Welche Orientierung ergibt sich für den Besucher Ihres Pavillons?

Sie gehen in das Gebäude hinein, und es lässt keine klassische Ordnung erkennen. Wie ein Wald. Im Wald gibt es viele Bäume, die stehen alle ungeordnet, und man geht zwischen diesen Bäumen durch, das ist das Grundrissprinzip unseres Pavillons.

Sie sind nicht nur für die Architektur verantwortlich, sondern fungieren auch als Zeremonienmeister?

Ja, ich bin künstlerischer Leiter des Pavillons der Schweiz. Es ist mir zum ersten Mal gelungen, Architektur und zeitgenössische Musik - 450 Musiker werden nacheinander auftreten - , Theater, Literatur und Gastronomie zusammen zu bringen. Die beste Schweizer Modedesignerin macht die Kleidung für alle. So soll ein alter Bauhaus-Traum in Erfüllung gehen bei dieser Gesamtaufführung über fünf Monate. Und alles wird live sein. Ich finde es eine gute Idee, auf dieser Messe, wo so viele mediale Geschichten passieren, auf all das zu verzichten und zu sagen: In unserer Schweizer "Kiste" wird alles live geboten.

Peter Zumthors neue Sinnlichkeit?

Der Anspruch ist, dass die Spannung nie abbricht. Es riecht unglaublich nach diesem frischgeschnittenen Holz. Der Pavillon ist beleuchtet mit einer Wort-Installation. Da erscheinen Schriften auf dem Holz, es sieht zauberhaft aus, und man glaubt fast, das Licht käme aus dem Holz heraus.

Kann man dieses elementare Spiel mit dem Material nur bei einem Pavillon auf Zeit realisieren? Beim dauerhaften Gebäude ergeben sich doch ganz andere Zwänge der Statik, der Wasserführung, der Heizung.

Ja, in diesen Pavillon regnet es rein. Wir haben Wasserpläne gemacht. Das ist der Witz der Sache.

Was ist ihr innerster Antrieb bei Ihrer Arbeit als Architekt?

Eigentlich bin ich ein sentimentaler, romantischer Mensch. Ich möchte, dass man sich in meinen Räumen angeregt und gut aufgehoben fühlt. Wenn so etwas glückt, habe ich daran am meisten Freude. Das Gespräch führte Falk Jaeger.

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