Kultur : Der Archivaktivist

Heinz Ohff

Heute wird er 80 Jahre alt, Walter Huder, der absolute Außenseiter des West-Berliner Kulturlebens.

Dass ausgerechnet Walter Huder der Halbstadt Wege zeigen sollte, die ihr noch heute nützen, hätte damals kaum jemand gedacht. Eigentlich sprach alles gegen ihn. Sein Geburtsort ließ sich kaum aussprechen; Walter Huder wurde 1921 in Mladé Buky in der CSR geboren. Seine Familie bestand aus Österreichern, Tschechen und Menschen jüdischer Herkunft. Der Einfall der Deutschen zerstörte den familiären Zusammenhang; sein Studium in Prag konnte er gar nicht erst aufnehmen. Walter Huder floh in die Sowjetunion, aus der er nach Kriegsende dann wieder nach Deutschland ging - um dort endlich ein Studium anfangen zu können. Das war im Jahr 1949. Die Universität in Heidelberg wollte ihn nicht, weil er keine Zuzugsgenehmigung besaß. Aber die eben gegründete Freie Universität in West-Berlin nahm ihn auf. Und so kam er in die Stadt an der Spree.

Der Außenseiter wurde alsbald zum Insider. Seinen Doktortitel erwarb er 1956 und hatte seitdem zwei Berufe (man kann bei ihm durchaus sagen:) am Hals - den eines Professors für Theaterwissenschaft und den eines Archivars der Akademie der Künste. In beiden Funktionen war er bald unersetzlich. Und im Kulturleben des westlichen Berlins wurde er eine der typischsten Persönlichkeiten, die hier herumliefen.

Die lebendige Akademie

Erfolge hatte er genug, blieb aber keineswegs, wie es in Berlin nun einmal so ist, unumstritten. Vor allem die Akademie verhielt sich damals, um es vorsichtig zu sagen, recht konservativ. So nahm man ihm übel, dass er als Archivar die Hinterlassenschaft der emigrierten Dichter bevorzugte. Dass das durchaus nötig und ehrenhaft war, lag auf der Hand. 160 Einzelarchive hat er nach Berlin zu holen verstanden, von Arno Holz bis Kurt Tucholsky. Im übrigen war er der Meinung, dass eine Akademie nicht nur zur Ehrung der Mitglieder da sei, sondern auch zur Arbeit im Kulturleben. So fand er ebenfalls, das ein Archiv nicht nur sammeln, sondern auch dafür sorgen sollte, dass die vorhandenen Manuskripte genutzt werden. Er selbst gab das Vorbild durch nebenher verrichtete kulturhistorische Arbeiten, zu denen seine Gesamtausgaben von Georg Kaiser, Ferdinand Bruckner, Ödön von Horvath und anderen zählen. Trotzdem wurde Walter Huder der Titel eines Archivdirektors erst in der Ägide von Günter Grass - er sei dafür gelobt! - zuteil.

Professor Walter Huder, der vom Außenseiter zum Vorbild wurde, erlitt vor 12 Jahren einen schweren Unfall, unter dessen Folgen er bis heute leidet. Eines ist gewiss: Er wird sich über die Festschrift freuen, die seine einstigen Schüler, Klaus Siebenhaar und Hermann Haarmann, ihm heute überreichen. Sie heißt: "Die Asyle der Kunst". Eines dieser Asyle hat er in West-Berlin geschaffen. Heute gehört er Ganz-Berlin.

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