Kultur : Der Arzt als Schlächter

GÜNTHER GRACK

Die Gewalt, die der Mensch dem Menschen antun kann, kennt keine Grenzen.Was für die Realität gilt - gilt es auch für die Kunst? Kennt auch sie, in der Auseinandersetzung mit der Realität, keine Grenzen? Die moralische ist zugleich eine ästhetische Frage.Wo, zum Beispiel im Theater, sind die Grenzen des Erträglichen erreicht?

Die Szenen blutiger Gewalt, die Sarah Kane in ihrem Stück "Gesäubert" aneinanderreiht, wirken wie eine Testserie zur Erforschung der Sensibilität des Publikums.Der Beitrag der Hamburger Kammerspiele zum Berliner Theatertreffen stößt hier freilich auf ein Publikum der mit allen Wassern gewaschenen Connaisseure.Mit professionellem Interesse sieht man im Deutschen Theater zu, wie Peter Zadek die Bloody-Horror-Show in Szene gesetzt hat - so aalglatt wie der Meister, der in diesem Schlachthaus das Messer führt: Ulrich Mühe in der Rolle des Tinker, was im Englischen allerdings einen "Pfuscher" oder "Stümper" bezeichnet."Ich bin kein richtiger Arzt", sagt Tinker einmal, ein Menschenschinder, der seinen Opfern die Zunge aus dem Mund schneidet, Hände und Füße absäbelt oder auch den Penis amputiert, um damit eine Frau in einen Mann umzuwandeln - leider einen Schlappschwanz.Es ist frappierend, mit welcher Hingabe das Ensemble, voran Susanne Lothar in lebensprühender, totenstarrer Intensität, in der grüngekachelten, neonbeleuchteten Hölle (Bühnenbild: Peter Pabst) die finstere Botschaft der Autorin übermittelt, nämlich daß in dieser Welt Liebe nicht geduldet ist: Tinker, Gott oder Teufel, verfolgt sie mit brutaler Repression.Nur sich selber behält er ein Recht auf Liebe vor, und sei es auch in rudimentärster Gestalt, als Kopulation mit einer Nackttänzerin.Da wird die Bloody-Horror- zur Sexy-Horror-Show.

Nein, unerträglich im Theater sind nicht die blutroten Gliedmaßen, von der Maskenbildnerei säuberlich hergestellt, unerträglich ist nicht der gekonnt gespielte Gewaltakt - unerträglich ist die Anmaßung, mit der in der Darstellung von Sexualität auf jede Stilisierung verzichtet, das Publikum statt dessen mit krudestem Naturalismus gepeinigt wird.Herr Mühe, nackt in den nackten Schoß seiner Partnerin sinkend, Frau Lothar, nackt unter ihrem nackten Partner liegend, sie alle dabei lustvoll stöhnend - hier wird die Grenze erreicht, die Kunst von Pornographie scheidet.Peter Zadek mag sich mit alledem für einen Provokateur halten; was er provoziert, ist jedoch nur die Frage nach seinem Kunstverstand.Eine Frage, die darüber hinaus auch das Stück selbst einschließt: Greuel an Greuel reihend, überschreitet es schließlich die Grenze zum sauren Kitsch.Daß die Autorin jung aus dem Leben geschieden ist, darf nicht daran hindern, nach der Überlebensfähigkeit ihres Werkes zu fragen.

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