Kultur : Der Astronaut entdeckt den fremden Planeten

Elfi Kreis

Agententhriller spielen an solchen Orten ewiger Nacht. Tief unter den Füßen geschäftiger Passanten im Shibuya-Bahnhof fotografiert Naoya Hatakeyama die Abwasserröhren Tokyos. Hauptakteur seiner stets menschenleeren Bildserien ist das Licht. Tunnelhöhlen werden zu Guckkastenbühnen, Glanzlichter spiegeln sich in moddrigen Pfützen. Der Shooting-Star der japanischen Fotoszene verwandelt die Kanalisation in einen meditativen Raum. Er untersucht den Zusammenhang von Zivilisation und Natur, an Abbruchkanten des Urbanen. Schönheit lauert überall. Die Ausstellung im Kunstverein Hannover (dort noch bis Sonntag zu sehen, anschließend in Nürnberg und Amsterdam) ist seine erste umfassende Werkschau in Deutschland. Sie beginnt wie auf Zehenspitzen: aufregend unaufgeregt. Die frühen Serien der "Lime Work (Factory Series)" und "Lime Hill (Quarry Series)" (1987-1992) zeigen Fabrikationsanlagen von Kalksteinwerken und Steinbrüche. Weißbepuderte Industrieanlagen, verschlungene Röhrenlabyrinthe. Hatakeyama fotografiert die geschundene Bergbaulandschaft kühl . Er betrachtet die Welt wie ein Astronaut den fernen Planeten, wie ein Archäologe versunkene Zivilisationen; unser Bild zeigt eine Aufnahme aus der Osaka-Serie von 1998/99. "Steinbrüche und Städte sind wie das Negativ und das Positiv ein- und derselben Fotografie" sagt der Fotograf. Wir sehen Krater einer Mondlandschaft, Abraumhalden grandioser Pyramiden, von goldenem Licht überglänzt. Im letzten Ausstellungsdrittel folgen Luftaufnahmen von Tokyos Skyline, Hatakeyamas Biennalebeitrag für den japanischen Pavillon sowie die jüngsten Serien "Still Life" und "Slow Glass". Der Schlusspunkt der Ausstellung ist reine Poesie: durch die regennasse Autoscheibe erkennt man in den zu Farbflecken zerfließenden Lichtschemen Häuser, Landschaften, eine Tankstelle. Bilder über das Sehen.

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