Kultur : Der Atem der Geister

CHRISTOPH FUNKE

"Hamlet" aus Korea - im Berliner Haus der Kulturen der WeltVON CHRISTOPH FUNKEWanderung zwischen Leben und Tod.Die Körper geben den Seelen Raum, die Seelen verlassen die Körper.Hamlet, der Dänenprinz, begegnet dem Geist.Wirkliches hebt sich im Transzendenten auf, gestaltet sich um zum Tanz - der Liebe, der Lust und des Todes.Feierlichkeit bricht auf in Ekstase.Lee Youn Taek, koreanischer Starregisseur und Chef einer seit zwölf Jahren bestehenden, inzwischen einflußreichen Straßentheatergruppe, interpretiert Shakespeares Tragödie aus der reichen Überlieferung des Schamanismus, als eine Geschichte vielfacher Berührungen unterschiedlicher geistiger Welten.Ort ist eine Bestattungsanlage, dem antiken koreanischen Grab von Chunmachong nachgebildet.Stufen führen vom tuchverhängten, hochgelagerten Hintergrund auf die Vorderbühne hinunter.Die Wege öffnen sich nach oben in eine verschlossene Freiheit, weisen nach unten in das Reich der eitlen Begierden.Ein Zwischenreich ist aufgebaut, ein Raum der Entscheidung für den Menschen, für beglückende Momente kraftvoll in Besitz genommen durch die Theatertruppe.Dann ist - im Tanz - Leidenschaft da, wilde Freude, das Einssein mit der Welt der Erscheinungen.Masken und kunstvolle Kostüme vermitteln und verfremden die orgiastischen Vorgänge, reißen Grenzen ein zwischen dem Realen und dem Vorgestellten.Dennoch ist der Hamlet des Lee Youn Taek, leider nur in einer Vorstellung im Haus der Kulturen der Welt gespielt, keine Geisterschau.Er lebt in einer für Europäer ungewohnten Wirklichkeit, er geht kürzere Wege zwischen Normalität, Traum, Wahnsinn, er sieht den Menschen in einer dem Alltäglichen entzogenen Welt.Die Begegnung mit Geistern ist Glück und Fluch, selbstverständlich und wunderbar zugleich.Handlungsstränge müssen nicht motiviert werden.Sie sind Teil der Erzählung des Horatio, gehorchen den plötzlichen Wendungen dieses geheimnisvollen Daseins in einem erdhaften Verlies, das zauberisch leicht scheint.Die Darsteller zeigen, im Zusammenwirken mit asiatischer und europäischer Musik, bei warm getöntem Licht die Freude am körperlichen Spiel.Biegsam und wendig, lieben sie große Gesten mit ausgestreckten Armen, suchen gleichsam die Verbindung mit der nicht realen Welt.Staunenswert meistern sie Gefühlsumschwünge - trauliche Gesichter verzerren sich plötzlich zu maskenhafter Grausamkeit.Das Spiel läuft, in neunzig Minuten, pausenlos ab - nur nächtliches Dunkel fällt mitunter über die Szene.Atemholen für Menschen und Geister.Hamlet ist nicht der Zögerer.Intellektuelles bleibt draußen.Dieser Prinz hat mit dem Geist in sich zu kämpfen.Er zeigt Wildheit in atemverschlagenden Sprüngen, ist sinnlich, rauh.In der Theatertruppe, die das Verbrechen am Königs-Vater vorspielen soll, übernimmt Hamlet selbst die Rolle des Mörders, wird zum Täter und Rächer in einer Person.Am berührendsten lebt Ophelia in einer nur ihr zugänglichen Welt zwischen Traum und Wirklichkeit - ihre Verwirrung äußert sich in einem blumenstreuenden Tanz, als Einssein mit der Natur.Und Ophelia liegt auch nicht im Grab, das von den Totengräbern mit übermütigem Spaß in einer Art Wasserkübel bereitet wird.Sie "geistert" anmutig herum, ist erstaunt über die Zumutung, ins Grab zu müssen, versinkt dann, fast genußvoll, in der Tiefe.Und wieder ein Bruch: Über dem Grab machen die Protagonisten das schnelle, filmische Ende, mit Pistole, Spaten und Degen.Ein weißes Tuch senkt sich über das Leichenfeld, nur der treue Horatio ist noch da.Dann schält sich oben, aus der Kante des Grabes, unter dem Tuch, quälend langsam ein Körper heraus: Hamlet.Oder der Geist, oder Fortinbras? Der Mensch wohl, der nicht zur Ruhe kommt, anklagend ins Publikum zeigt.Hamlet bleibt uns, als ungelöste, als unlösbare Aufgabe.Stürmischer Beifall.

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