Kultur : Der aufhaltsame Aufstieg zum Klassiker

JÖRG UTHMANN

Mit dem Broadway hatte Brecht kein Glück."Die Dreigroschenoper" wurde 1933 nach zwölf Aufführungen wieder abgesetzt.Erfolg hatte sie erst zwei Jahrzehnte später in einem kleinen Theater im Village, nachdem der Text radikal umgekrempelt worden war.Auch "Mutter Courage" verließ 1965 den Broadway ebenso schnell, wie sie gekommen war.Zwei Jahre danach versuchte man es noch einmal - mit einer jiddischen Version.Sie brachte es auf elf Aufführungen.Als sich das Lincoln Center 1967 an "Galilei" heranwagte, bemängelte die Kritik die eindimensionalen Charaktere, den didaktischen Zeigefinger und den theologischen baby-talk.Brecht blieb in Amerika eine Kultfigur der Studentenbühnen und theaterwissenschaftlichen Seminare.Das große Publikum und die Mehrzahl der Kritiker konnten nichts mit ihm anfangen.Daß Brecht von seiner Kanzel in Ost-Berlin den Marxismus predigte, kam erschwerend hinzu.

Auch in London hatte Brecht keinen leichten Stand.Obwohl der einflußreiche Kritiker Kenneth Tynan für ihn kämpfte, blieb das Publikum gegenüber der deutschen Tradition des "Theaters als moralische Anstalt" skeptisch.Selbst ein Gastspiel des Mutterhauses am Schiffbauerdamm konnte die Zweifler nicht umstimmen.Peter Brook, Englands berühmtester Regisseur, wirft Brecht noch heute vor, er habe die Kunst an eine Ideologie verraten.Um so bemerkenswerter, daß mehrere britische Bühnen Brechts 100.Geburtstag zum Anlaß nehmen, an den großen, schwer verdaulichen Toten zu erinnern.Sowohl in Manchester als auch in Edinburgh zieht Mutter Courage ihren Marketenderwagen, während die Abonnenten des Newcastle Playhouse Anfang des Jahres Gelegenheit hatten, das Lied vom Haifisch, der Zähne hat, mitzusummen.

Aber der bei weitem erfolgreichste Wiederbelebungsversuch geht auf das Konto des Londoner Almeida-Theaters.Gemeinsam mit der Right Size Company haben sie "Herr Puntila und sein Knecht Matti" in Szene gesetzt - einen Fall, den die Pychiater heute als MPD (multiple personality disorder) diagnostizieren würden: In nüchternem Zustand ist der Gutsherr Puntila ein kapitalistischer Widerling, der seine Tochter mit einem ebenso widerlichen Diplomaten verheiraten will.Doch wenn er getrunken hat, dann verwandelt er sich in einen warmherzigen Mitmenschen, der nichts lieber sähe, als Schwiegervater des wackeren Proletariers Matti zu werden.Schon dem Klassenkämpfer Brecht war der Künstler in die Quere gekommen: Der Ausgebeutete verwandelte sich unter seinen Händen in eine bleierne Heiligenfigur, während die Herzen der Zuschauer dem exzentrischen Ausbeuter zufliegen.Die Right Size Compagny zieht dem marxistischen Gebiß die letzten Zähne.Ein dazugedichteter Prolog in Versen kündigt an, das Folgende habe eigentlich eine tiefere Bedeutung, um die man sich jedoch nicht zu scheren gedenke.Und dann fliegen die Fetzen.Lee Hall hat den Text in zeitgemäßen Jargon übertragen, und Hamish McColl und Scan Foley machen aus Puntila und Matti ein Clownspaar, wie man es seit Abbott und Costello nicht gesehen hat.Nicht alle Kritiker ließen sich überzeugen: Der "Daily Telegraph" meinte, die Brecht-Welle werde den Zuschauer lebenslang gegen den Langweiler immunisieren.Die Zuschauer hingegen drängen zur Impfstation.Die gesamte Vorstellungsserie im Almeida Theatre ist ausverkauft.

Ganz anders verlief die Brecht-Rezeption in Frankreich.Hier hatte der tonangebende Teil der Intellektuellen gegen marxistische Frohbotschaften aus dem Osten nicht das Geringste einzuwenden.Die Gastspiele des Berliner Ensembles wurden begrüßt wie religiöse Erweckungsveranstaltungen.Auch wenn der Heiligenschein des Meisters nicht mehr ganz so blendend strahlt wie ehedem - seinen 100.Geburtstag angemessen zu feiern war Ehrensache.Allerdings waren es nicht die betont politischen Stücke, die man aus diesem Anlaß wieder ausgrub, sondern in erster Linie das expressionistische Frühwerk.Daß sich auch die Comédie Française an den Festlichkeiten beteiligt und "Mutter Courage" in ihr Repertoire aufnahm, darf als besondere Auszeichnung gelten.Nach "Puntila" und "Galilei" ist dies das dritte Brecht-Drama, das die erste Bühne des Landes einstudierte.Leider ist die Geste bemerkenswerter als die Ausführung.Was Regisseur Jorge Lavelli und Catherine Hiegel in der Titelrolle auf die Bretter hieven, ist geschmackvoll, respektvoll, stilvoll.Nur eins ist es nicht - packend.Was wir zu sehen bekommen, ist handwerklich sauberes, aber uninspiriertes Staatstheater.Wie schon öfter in ihrer 300jährigen Geschichte ist die Comédie Française in Routine und Mittelmäßigkeit erstarrt.Aber auch Brecht ist nicht ganz unschuldig.Er, der einst so herrlich Umstrittene, gehört heute zu den Klassikern, was nach Max Frisch an einem sicheren Merkmal zu erkennen ist - seiner durchschlagenden Wirkungslosigkeit.

JÖRG VON UTHMANN

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