Kultur : Der Augenblick vor dem Einschlag Die Philharmoniker mit Mahlers Sechster

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Nun also die Sechste, das nächste symphonische Monstrum von Mahler im MahlerJahr 2011 und im Mahler-Zyklus der Berliner Philharmoniker, nach der gefeierten Dritten im Februar. Eineinhalb Stunden lang sind Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt bei dieser Odyssee der letzten Überlebenden, die mit aufgerissenen Augen dem Ende entgegenschreiten, begleitet von Herdenglocken und Hammerschlägen. Das Werk, uraufgeführt 1906, ist Gewaltmarsch, Seelenaufruhr, Schmerzensmarathon, Vorahnung kommender Tragödien (dem baldigen Tod von Mahlers Tochter, dem Ende als Wiener Hofoperndirektor und der Diagnose seiner Herzkrankheit sowie dem Weltkriegsbeginn). Der Planet des Bösen rast auf die Erde zu, und der Augenblick vor dem Einschlag dehnt sich eine Ewigkeit lang.

All das irrlichtert einem durch den Sinn, als die Philharmoniker sich furchtlos ins Getümmel stürzen. Bloß keine Sentimentalität, dies ist das neue Jahrhundert: Anders als bei der Dritten macht Simon Rattle Tempo. Die aufs Äußerste gereizten Harmonien der Spätromantik, das Idiom der Ländler und Walzer – alles perdu. Dass an diesem Abend zur Einstimmung Alban Bergs „Drei Orchesterstücke“ erklingen, passt nur zu gut: Mahlers Marschtruppen geistern auch durch dessen Komposition von 1929, versprengte Getreue vor den Kulissen entsättigter Farben.

Schrei und Klage, das Amorphe und das Ausdrucksintensive, das Programmatische und das Abstrakte. Bei Rattle versöhnt nicht erst Berg, sondern bereits Mahler die Gegensätze. Die berühmte Dur-Moll-Eintrübung der Trompeten im Allegro energico unterspielt er bewusst. Kein effektvoller Stimmungswechsel, kein Umschlag in die Transzendenz ereignet sich hier, nur der Halbtonschritt von der großen zur kleinen Terz. Und doch eine Ungeheuerlichkeit: das unentrinnbare Diesseits wird zum Ort der Verdammnis. Selbst die Herdenglocken entführen nicht in den Luftraum eines anderen Planeten, sondern fügen dem Hier und Jetzt eine ungeahnte Dimension hinzu. Eine scharfe Süße umgibt diesen Mahler.

Frappierend die Plastizität, das Durchlässige, Haptische. Hier erklingt weniger eine Sinfonie für Streicher und Bläser als für Metall, Blech, Holz – und die Harfe mutiert zur Stahlsaitengitarre. Akkordgebirge türmen sich auf, aber jeder einzelne Felsbrocken bleibt deutlich sichtbar. Nie verliert Rattle den Überblick, nie klumpt der Klang oder flüchtet ins Ungefähre. Einen wacheren, hellsichtigeren, sinnfälligeren Mahler dürfte es derzeit kaum geben. Unerhört, wie selbstverständlich die Philharmoniker in dieser unwirtlichen Musik zu Hause sind. Guy Braunsteins Violine, Stefan Dohrs Horn, alle ihre solistisch brillierenden, nie auftrumpfenden Kollegen, die grellen Klangfarben, die Kunst, Motive kollektiv in Sekundenschnelle aufblühen und vergehen zu lassen – man traut seinen Ohren kaum. Stille am Ende, dann Jubelstürme.Christiane Peitz

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