Kultur : Der Außerirdische, süß-sauer

ELISABETH BINDER

Als kleiner Junge stand Norbert Frankenstein oft am Strand seiner Heimatinsel Rügen und blickte aufs Meer.Auf die großen, weißen Schiffe, die in der Ferne vorüberzogen.Voller Sehnsucht nach der Welt, die ihm unerreichbar war.

Was für Träume mögen das gewesen sein.Von Reisen in exotische Länder? Von einer Karriere als Wissenschaftler? Oder als Kreateur schöner Dinge in einer fremden, urbanen Welt namens Berlin? Die Stadt gab es damals noch nicht.Als Norbert Frankenstein, geboren 1952, ein kleiner Junge war, herrschte Kalter Krieg zwischen den Mächten.Es gab die Hauptstadt der DDR.Und es gab den Außenposten des Kapitalismus West-Berlin.Aber davon hatte er überhaupt keine Vorstellung.Erst recht nicht von jenem ganz neuen Berlin, das es eines Tages geben würde.Nach der Schule fand er eine Möglichkeit, die Sehnsucht nach der Ferne wenigstens ersatzweise zu stillen.Er studierte Sprachen an der Humboldt-Universität.Ein Professor der Sinologie gab ihm 1973 den Rat, den neugegründeten Studiengang Japanologie zu belegen.Zum ersten Mal hatte sich die DDR auf ein Studienaustauschprogramm mit einem kapitalistischen Ausland eingelassen.Einige Jahre später kam aus Tokio eine junge Professorin, die der wissenschaftliche Assistent Frankenstein betreute.Daraus wurde Liebe.

Diese Liebe paßte allerdings nicht ins System.Ärger mit der Stasi, Dissertation abgebrochen, 1986 nach zermürbenden Jahren und der Eheschließung mit der geliebten Frau schließlich nach Tokio ausgereist.Dort ist er als Dozent an einer renommierten Sprachhochschule tätig gewesen.Es war in dieser Zeit, als ihn ein weiser alter Freund, Unternehmer und Sproß einer alten japanischen Adelsfamilie, die Lektionen des Kapitalismus lehrte.Lektion Nummer 1 ging so: Du mußt etwas Schönes machen, etwas, das die Menschen erfreut.Dann wirst du damit auch dein Brot verdienen.Für Frankenstein war das alles reine Theorie.Bevor er wegen der Liebe zu seiner späteren Ehefrau Probleme mit den DDR-Kadern bekam, war er schließlich ein überzeugter Sozialist naiv-idealistischer Ausprägung gewesen.

Am 9.November 1989 saß er mit Freunden und der Familie in seinem Paradies, in einem schlichten Haus inmitten einer Mandarinenplantage am Meer.Das Telefon klingelte.Ein Freund war dran, Redakteur einer renommierten Tageszeitung: "Du mußt sofort kommen", sagte er."Wir brauchen deine Kenntnisse über Berlin für eine große Geschichte.Die Mauer ist gefallen." Frankenstein kam sich veralbert vor."Unmöglich", antwortete er.Als er begriff, daß es wirklich passiert war, war ihm das zunächst "sehr unheimlich".Mitte November gab er seinen Studenten Urlaub und begleitete ein japanisches Fernsehteam in die aufgewühlte Stadt.Seine Gefühlslage damals beschreibt er im nachhinein als kompliziert.Einerseits war da ein ganz starkes Schuldgefühl, das ihm sagte: "Dieses Land, in dem ich groß geworden bin, ist den Bach runtergegangen.Weil niemand je den Mund aufgemacht hat.Und ich habe in der Zwischenzeit gelebt wie Gott in Japan." Andererseits empfand er eine Forderung an sein Leben: "Nun ist eine Chance da.Nutze sie.Jetzt ist der Zustand da, in dem dieses Land dein Land werden kann."

Er ging noch einmal zurück nach Japan, ließ den Gedanken reifen in seinem Kopf.Das erste Projekt, das er in Angriff nahm, ging schief.Er plante ein Low-Budget-Hotel für ältere und jüngere Japaner, die sich den großen Luxus nicht leisten konnten.Das war in jenen Goldgräberjahren nach der Wende, als die Claims noch nicht abgesteckt waren.Auf das Hotel-Projekt mußte er am Ende verzichten, aber auf dem Weg dorthin hatte er den finanziellen Grundstock gelegt für einen anderen Traum.Ein Siam-Restaurant.Das Maothai.



Durch Zufall fand er das passende Haus in der Wörther Straße.Der Umbau gestaltete sich unendlich mühsam.Der vom Japanologen sozialistischer Prägung zum Jungunternehmer im Kapitalismus gewandelte Frankenstein hatte mit vielen Handicaps zu kämpfen.Die beiden wichtigsten: Keine Ahnung vom Kaufmännischen.Und: Keine Ahnung von den westdeutschen Gesetzen.Ein drittes hätte ihn vielleicht auf der Stelle nach Tokio zurückgetrieben, wenn er es nur erkannt hätte: Keine Vorstellung von den ausufernden Mühlen der Bürokratie."Mir ging es wie den Kosmonauten.Ich war gewissermaßen als Außerirdischer aus der DDR zurückgekehrt in eine fremde Welt."

Die innere Stimme trieb ihn an.Du hast eine neue Chance, nutze sie.Mit viel Eigenarbeit und der Hilfe eines Maurers schaffte er es, aus einer alten Postausgabestelle und Kohlenkellern in der Wörther Straße ein modernes Restaurant zu bauen.Sein japanischer Sinn für Ästhetik kam ihm zur Hilfe.

Von einigen Westfirmen, die beim Bau des Restaurants mitgewirkt hatten, fühlte er sich ausgenommen wie eine goldene Gans.Dabei sollten die wirklichen Probleme erst beginnen.Authentische thailändische Küche schafft man nach seiner Überzeugung nur mit thailändischen Köchen.Niemand hatte ihm das Procedere erklärt, mit dem man Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse bekommt.Das Arbeitsamt riet ihm, lieber Türken oder Hausfrauen einzustellen.Es gab mehr solcher Vorschläge.Irgendwann platzte ihm der Kragen.Er hatte sich hoch verschuldet, hatte über eine Million Mark investiert und wollte nun ein Restaurant nach seinen Vorstellungen.Was du machst, mußt du gut machen, sagte die innere Stimme.Er bekam seine Thai-Köche.

Im April 1993 war Eröffnung.Am Anfang kamen zwei Drittel seiner Besucher aus dem Westen.Für sie war es eine Oase im schrägen Osten, und man bekam diese wunderbaren gefüllten frischen Ananas oder Kokosnüsse.Es gab kleine Krebsscheren in angerösteter Chili-Sauce oder Mondfisch, fein filetiert.Die Banken machten ihm weiterhin manchen Strich durch seine Kalkulationen.Die Behörden erst recht: In ihrem Beharren darauf, daß nach drei Jahren die Köche ausgetauscht werden müssen, zwangen sie ihn, immer wieder neue anzulernen und einzugewöhnen.Nur die Gäste waren glücklich..

Im Sommer 1994 eröffnete er sein zweites Restaurant, das Kamala in der Oranienburger Straße.Anfang 1997 wagte er mit dem Maothai am Fasanenplatz den Schritt nach Westen.Nach so vielen Aufbaujahren zwischen den grauen Ruinen des Sozialismus wollte er sich seinen Traum von einem Restaurant in einer gutbürgerlichen Umgebung erfüllen.Anfang dieses Jahres folgte Tuans Hütte in der Dircksenstraße.

Wer versucht, ihn am Telefon zu erreichen, wird häufig hören, daß er gerade beim Anwalt ist.Oder beim Arbeitsamt.Manchmal fühlt er sich zermürbt und verzweifelt.Dann will er einen Bürgerbund gründen gegen die Bürokratie."Die DDR", ist er überzeugt, "ist auch an ihrer Staatsbürokratie zugrunde gegangen.Und diese Stadt erstickt an ihrer unkontrollierten Verwaltungsbürokratie." Trotzdem denkt er darüber nach, noch ein weiteres, exklusives Restaurant zu eröffnen.Oder soll er dem Ruf von Freunden folgen, die er während der Weltjugendfestspiele 1973 kennengelernt hat? Nach Peru.Oder nach New York.Eigentlich ist er kein Träumer mehr, sondern ein Macher.

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