Kultur : Der Autobahn-Mäander

Mobilität, Maschinen, Massenmedien: Thomas Bayrle in der Berliner Galerie Barbara Weiss

Andreas Schlegel

Als Joseph Marie Jacquard 1805 in Lyon auf die Idee kam, einen Webstuhl mit Hilfe von Lochkarten zu steuern, um so Arbeitern zu ermöglichen ohne fremde Hilfe komplexe Gewebe herzustellen, wurde dies von den örtlichen Webern nicht sehr freundlich aufgenommen – sie zerstörten die erste Jacquardmaschine umgehend. Den Lauf der Geschichte konnten sie damit allerdings nicht aufhalten: Die Maschine brachte für den Berufsstand der Weber das Aus. Mehr noch: Sie stand am Anfang von industrieller Revolution, von Massen und Massenproduktion, von Massenmedien und Mobilität der Masse.

Dies sind auch die stets wiederkehrenden Motive des Frankfurter Künstlers und ehemaligen Weberlehrlings Thomas Bayrle. Seine animierten Objekten, Tapeten, Druckgrafiken, Filme, Künstlerbücher und Skulpturen handeln vom Widerspruch von individuellen Bedürfnissen und Organisationsformen der Gesellschaft und der unabwendbaren Gleichförmigkeit individuellen Glücks in der Massengesellschaft.

Es ist die zweite Ausstellung des 1937 geborenen Künstlers in der Galerie Barbara Weiss. In Berlin hatte er schon durch sein Autobahnbild auf der Schutzplane des Brandenburger Tores im vergangenen Jahr Aufmerksamkeit erregt. Die Ausstellung versteht sich als Ergänzung zu Bayrles Beitrag „Autostrada“ auf der internationalen Ausstellung der Biennale in Venedig. Der „Autobahnmäander“ (9500 Euro), der den Besucher in der Galerie empfängt, ist ebenso spielerisch wie präzise aus bedruckten Kartonfahrbahnen gefertigt, die von kleinen Kartonautos befahren werden, und windet sich in Möbius-Schleifen zu einem Maschendrahtzaunmuster. Das Autobahngeflecht hat der Künstler „als Relief unseres Wirtschaftssystems“ bezeichnet, bei dem es um mehr geht, als nur um die Autobahn, nämlich um den „Dauerkopfschmerz des ganzen Systems mit seinen gebetsmühlenartig wiederholten Litaneien aus Arbeitsplätzen, Umweltfragen, Autobahnbau, Versicherungen, Autoklau“.

Die raumfüllende Installation „Autostrada“ (40 000 Euro) im nächsten Raum erscheint wie ein vergrößerter Ausschnitt dieses Mäanders. Für die Autostrada kann keine Grenze gelten, weder national noch physikalisch, sie muss weitergehen: quer durch den Raum, bis zur Decke hinauf, um die Ecke, und so weiter. Gegenübergestellt wird dieser Kartonarbeit die geradezu obsessiv detaillierte Bleistiftzeichnung „Straßenstruktur“ von 1975 (9000 Euro) mit dicht befahrenen, kreuzweise ineinander verflochtenen Fahrbahntrassen, die wie ein Tapetenmuster das ganze Bild ausfüllen.

Im letzten Raum hängen zehn Arbeiten, die in skizzenhafter Leichtigkeit und entspannter Detailfülle die Vielfalt der Strukturen vorführen, die die Arbeit des Künstlers ausmachen: von kleinen Karton- oder Papiergeflechten, deren Formen von einem Motorenblock oder einer Raffinerie inspiriert wurden (1500 bis 4500 Euro), bis zum Layout der Tageszeitung „Die Welt“ (2800 Euro). Aus Streifen weißen Papiers, somit des tagesaktuellen Inhalts beraubt und per Hand geflochten, wird diese „Welt“ nur scheinbar zum abstrakten Muster – denn die Computerspeicherplatten, auf denen Zeitungsinhalte heute liegen, funktionieren auch heute noch nach dem System, das einst Joseph Marie Jacquard für seine Lochkarten erfand.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-91, bis 5. Juli; Di.-Sa. 11-18 Uhr.

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