Kultur : Der Bahnbrecher

Er setzte die politische Bühne durch: Zum 100. Todestag des Berliner Theaterpioniers Otto Brahm.

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Geschundene Kreatur. Szene aus Gerhart Hauptmanns „Ratten“ am Deutschen Theater in der fulminanten Inszenierung von Michael Thalheimer. Otto Brahm hatte einst den Dramatiker auf dieser Bühne durchgesetzt. Foto: Katrin Ribbe
Geschundene Kreatur. Szene aus Gerhart Hauptmanns „Ratten“ am Deutschen Theater in der fulminanten Inszenierung von Michael...

Welch hymnisches, alle Ufer überflutendes Lob! In einer Kritik über Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, im Lessing-Theater zum Gedenken an die Uraufführung im Oktober 1896 erneut auf die Bühne gekommen, schrieb Alfred Kerr am 2. Dezember 1909 über Otto Brahm: „Er feiert das Gedenken. Als der deutsche Schöpfer eines europäischen Schauspiels. Als der tiefste Bahnbrecher seit hundert Jahren. Als welcher das Neue dem Publikum wie etwas Feindliches aufgezwungen hat. Als welcher Ballungen des Bedeutenden gab und ein Riesenwerk im Kugelregen. Das einzig Ernste, Kühne, Zähe, Große seit Geschlechtern und Geschlechtern.“

Ein Riesenwerk, so scheint es, das in den Schatten der Geschichte zurückgewichen ist. Max Reinhardt bleibt der einsam Strahlende in der Theaterwelt des späten Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Fing aber, sehr bescheiden, bei Otto Brahm in Berlin an – um Geld bettelnd. Brahm hatte Reinhardt einen Vertrag für das Deutsche Theater angeboten, und der damals noch junge, kaum bekannte Schauspieler schrieb am 16. Juli 1894 aus Wien an den Theaterdirektor: „Da die Saison so früh beginnt, konnte ich für den Sommer kein Engagement annehmen und sind daher meine Barmittel derart erschöpft, dass ich direkt darauf angewiesen bin, Ihre Liebenswürdigkeit in dieser Hinsicht in Anspruch zu nehmen.“ Reinhardt brauchte Reisegeld, und er hat es wohl bekommen. Aus dem Bittsteller wurde ein Theaterfürst, Brahm blieb bescheiden im Hintergrund. Das Aufspüren von Talenten, von hochbegabten Schauspielern gehörte zu seinen herausragenden Leistungen. Brahm führte junge Menschen wie Reinhardt zum Ruhm, auch wenn er nach geraumer Zeit hinter sie zurücktreten musste.

1876 in Hamburg geboren, begann Brahm als Kritiker in der „Vossischen Zeitung“, neben Theodor Fontane. 1898 war er Mitbegründer des Vereins „Freie Bühne“. Und hier, als Vorsitzender und Programmdirektor, begründete er sein „Riesenwerk“. Als Wissenschaftler, Dramaturg, Theoretiker revolutionierte er das Theater seiner Zeit, durchgreifend und ohne Scheu vor gewagten Abenteuern. Er verbannte das Pathos von der Bühne, sorgte für spröde, unangreifbare Genauigkeit. Vor allem aber machte er den Dichter, den Stückeschreiber zum Mittelpunkt aller Theaterarbeit. Brahm wurde mit den von ihm in vielen harten Kämpfen durchgesetzten Dramatikern Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen zum eigentlichen Schöpfer der naturalistischen Bewegung auf der deutschen Bühne. Er wollte eine enge Verbindung des Theaters mit dem Alltag der Zuschauer herstellen, Konflikte nicht von fern her, sondern aus der Gegenwart holen, Abgründe und Widersprüche des Lebens durch die so radikal neu und anders erzählten Geschichten der zeitgenössischen Stückeschreiber offenlegen und erfahrbar machen. Im Deutschen Theater, dessen Pächter er seit 1894 war, brachte Otto Brahm die erste öffentliche Aufführung von Hauptmanns „Die Weber“ heraus. Wilhelm II. kündigte darauf die Hofloge. Brahm ließ sich davon nicht beirren. Als sein Pachtvertrag für das Deutsche Theater 1904 nicht verlängert wurde, arbeitete er im Lessing-Theater weiter. Als Regisseur hat Brahm weit weniger Aufsehen erregt als mit seinen akribischen analytischen Leistungen. Er war kein Schauspieler, sondern Entdecker, einer, der Wege bahnte, sich von keinem Widerstand aufhalten ließ. Was wohl erklärt, dass die Erinnerungen an seine eigene Theaterarbeit heute verblasst sind. Als geduldiger, solider Arbeiter leitete Brahm die Proben – wenn er überhaupt anwesend war. Er saß im Zuschauerraum, machte Notizen, die er mit den Schauspielern auswertete, griff kaum ein in den künstlerischen Prozess.

Immer wichtig war das Stück, wichtiger als alles andere. Die Schauspieler sollten Dienende der Dichter sein und Wahrhaftigkeit auf die Bühne bringen, mit rücksichtsloser Konsequenz. Gerade dadurch wollte Brahm auch eine umfassende Geschmacksbildung des Publikums erreichen. In seiner Achtung vor dem Stückeschreiber, dem Schauspieler, dem zu bildenden Publikum kann er in manchem als ein Vorläufer der strengen dialektischen Theaterarbeit von Bertolt Brecht gelten. Denn es darf nicht vergessen werden, welche gesellschaftlichen Barrieren Brahm niederriss, wenn es galt, das Neue, Umstrittene durchzusetzen.

Brahm, der Wahrhaftige, der Unbestechliche (auch der Langweilige, wie ihm gelegentlich vorgeworfen worden ist) suchte nicht den Glanz, mied das mitreißend Unterhaltsame. Bei ihm drehte sich der Wald eben nicht auf der Bühne inmitten plätschernder Bächlein wie in Max Reinhardts „Sommernachtstraum“, er war kein Zauberer, er wollte ein kompromisslos ehrliches Theater. Als er am 28. November 1912 in Berlin starb, hatten Ernst, Zähigkeit, Kühnheit ihren Platz auf den deutschen Bühnen gefunden. Ein neues Zeitalter war angebrochen.

Die Akademie der Künste widmet Otto Brahm zum 100. Todestag eine Matinee mit Christian Grashof, 25. November, 11 Uhr, Pariser Platz 4.

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