Kultur : Der Ball ist wund

„The Offside Rules“ von Constanza Macras

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Stellungsspiel. Macras’ Tänzer im Abseits. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Stellungsspiel. Macras’ Tänzer im Abseits. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Die Vuvuzela kommt noch mal zum Einsatz. Das Goethe-Institut in Johannesburg hat die Choreografin Constanza Macras im letzten Jahr eingeladen, ein Stück für das Kulturprogramm der Fußball- WM zu kreieren. Nun möchte man nach dem Abpfiff eigentlich nichts mehr von WM-Euphorie und einem die Rassen verbindenden Wir-Gefühl hören. Doch Macras zeigt in „The Offside Rules“ kein freundliches Waka-Waka-Gewackel, die aus Buenos Aires stammende Choreografin arbeitet sich vielmehr an ihrem WM- Trauma ab. Eine filmische Rückblende erinnert an die WM von 1978 in Argentinien. Tatiana Saphir erzählt dazu eine gruselige Geschichte: Nach dem Sieg der argentinischen Mannschaft fuhren die Folterknechte der Militär-Junta mit den politischen Gefangenen in Autos durch die Stadt, wo die Massen feierten. Den Verschleppten wurde brutal vor Augen geführt, dass sich niemand für ihr Schicksal interessiert.

In „The Offside Rules“ treffen drei Performer aus Macras’ Kompanie auf sieben südafrikanische Tänzer und Musiker, die meisten von ihnen kommen aus Soweto, den berüchtigten Townships von Johannesburg. Macras lässt die schwarzen und weißen Darsteller in rabiaten Crashes aufeinanderprallen. Sie springen sich an, werfen sich gegenseitig zu Boden und bedrängen sich auch schon mal sexuell – lauter tänzerische Fouls, wie man sie schon kennt aus den Macras-Stücken. Saphir gibt die Wohlstands-Wuchtbrumme, die mit ihrer Körperfülle alle afrikanischen Männer umnietet. Miss South Africa ist ein wogendes Stimmwunder. Zunächst singt sie „Pata Pata“, was sonst. Dreht dann voll auf bei einem Whitney-Houston-Medley, so dass der Israeli in Gesundheitssandalen fast von der Bank kippt. In „The Offside Rules“ werden die Stereotypen lustvoll überspitzt, bis es wehtut. Doch auch die Südafrikaner rücken sich hier zu Leibe, erzwingen political correctness mit der Knarre.

Macras, die Metropolen-Forscherin, will auch zeigen: Soccer City und die Townships – das sind zwei Welten. Ein Exkurs über die neue Schnellbahnlinie Gautrain klärt darüber auf, dass keineswegs alle Südafrikaner von der WM profitiert haben. Und dass die Schwarzen auch 16 Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid ins Abseits gedrängt werden.

Auch wenn das Stück von Ausschluss, Armut, Gewalt erzählt und damit dem neuen Image der Regenbogen-Nation trotzig widerspricht: Die südafrikanischen Darsteller erspielen sich alle Sympathien. Furchtlos lassen sie sich auf die wüste Komik von Macras ein. Die vermischt hinterlistig die kulturellen Codes, vertauscht die Zeichen: In einer Szene sieht man traditionelle Zulu-Tänze, aber nur die weiße Darstellerin tanzt mit nacktem Oberkörper: Das hat das Publikum in Johannesburg heftig irritiert. Die Berliner Zuschauer im HAU 1 reagieren dagegen mit Belustigung – etwa wenn der Israeli Elik Niv im knappen Federröckchen auftritt. Nicht nur die Überanpassung der Weißen wird hier ins Lächerliche gezogen. Macras demonstriert, wie hysterischer Selbstschutz und Mildtätigkeit, wie Security und Charity zusammenhängen. Ermutigt von Madonna und Angelina Jolie gründet Tatiana Saphir ihre Hilfsorganisation „Länger stillen für Afrika“.

Macras stellt sich nicht einfach hin und prangert die Missstände an, sie hinterfragt auch unseren Blick auf Afrika – so ist „The Offside Rules“ mehr als nur ein Nachspiel zur Fußball-WM.

HAU 1, bis Mi 19.1., 19.30 Uhr

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