Kultur : Der Ball ruht in sich selbst

Ein Rasendrama in neunzig Minuten: Der WM-Beitrag des Behinderten-Theaters Ramba-Zamba

Robert Ide

„Ihr müsst schneller werden“, ruft Gisela Höhne auf die Bühne. „Wo sind denn die Instrumente? Und Juliane, wer hat Dich überhaupt auf die Bühne geschickt?“ Die Schauspieler hören auf zu tanzen und fallen in ein Schweigen. Dann flüstert Juliane: „Niemand hat mich geschickt.“ Regisseurin Gisela Höhne ist entsetzt: „Das merkt man.“ Es ist eine der letzten Proben vor dem Theaterstück „Ein Herz ist kein Fußball“ im Theater Ramba-Zamba in Prenzlauer Berg. Draußen scheint die Sonne, und im abgedunkelten Kesselhaus der Kulturbrauerei sieht es nicht danach aus, als ob das Ensemble schon eingespielt wäre.

Eingespielt wirkt bei Ramba-Zamba nur die Regisseurin. Die Schauspieler lernen das Stück, das sie zur Aufführung bringen, immer wieder aufs Neue. Sie sind geistig behindert.

Heute führt das Theater sein Fußballstück zum ersten Mal vor Publikum auf. Sogar Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wird zur ausverkauften Premiere erwartet. Der Abend, dem weitere Aufführungen in Berlin und eine Tournee durch Deutschland folgen werden, könnte zu einem der wichtigsten Ereignisse des Kulturprogramms avancieren, dass der österreichische Künstler André Heller mit Hilfe der Bundesregierung für die Fußball-Weltmeisterschaft aufgelegt hat. Denn schon bei den Vorbereitungen in der Kulturbrauerei war deutlich zu erkennen, dass es sich bei „Ein Herz ist kein Fußball“ nicht um öffentlich subventioniertes Mitleidstheater handelt, sondern um anspruchsvolle Kunst voller Hingabe.

„Ich war schon immer ein Außenseiter“, sagt Wolfgang-Josef Lang und blickt auf den Boden. Er ist 41, sieht jünger aus und ist mit der Schnelligkeit seiner Umgebung schon in der Schule überfordert gewesen. Nun ist er einer der markantesten Männer auf der Bühne. Als Linienrichter eines Fußballspiels trägt er unter den klirrenden Schlägen mehrerer Trommelfässer die Fahnen der Mannschaften herein. Er erklärt die Regeln, macht große Gesten. Mit Langsamkeit und Ruhe verleiht er seiner Figur Gewicht. Wolfgang-Josef Lang ist ein guter Schauspieler.

Fußball ist ein einfaches Spiel mit klaren Regeln. Das Theaterstück hat ebenfalls einen bestechenden weil einfachen Plot: Der Ball ist weg. Wie gehen nun Menschen, die Tag für Tag trainiert und sich Spiel für Spiel eingeschworen haben, mit dieser Lage um? Reagieren sie mit Tränen, Aggressionen – oder vielleicht mit einem Blick über ihre eigene Welt hinaus? Das sind die Fragen der Texte, die sich die Schauspieler während ihrer Proben vorwiegend selbst erarbeitet haben. Das ist der Ausdruck der Tänze, mit denen sie umeinander kreisen wie ein Ball, dessen Ruhe nur im Inneren liegen kann.

Neunzig Minuten spielen sie miteinander, ohne einen Ball zu haben. 17 junge Darsteller mit Behinderung, 17 ohne Scheu und Scham. Manchmal vergessen sie ihren Text. Dann stehen sie unschlüssig umeinander herum, flüstern sich etwas zu, versuchen sich gegenseitig zu erinnern. Manchmal weiß ein Spieler trotzdem nicht weiter, dann entfährt es ihm: „Scheiße“. Regisseurin Höhne schüttelt den Kopf. Kurz darauf greift sich eine Schauspielerin das falsche Instrument. Als sie ihren Fehler bemerkt, setzt sie sich bockig in die Ecke. Die anderen kommen zu ihr, um sie zu trösten.

Seit acht Wochen proben sie Tag für Tag, seit acht Wochen passiert immer etwas Neues. „Sie spielen körperlicher, sinnlicher als andere“, sagt Höhne. „Es gibt keine feste Struktur.“ Die Behinderungen ihrer Schauspieler kennt die Regisseurin nicht genau. Sie weiß, dass manche einen Herzfehler haben, andere an epileptischen Anfällen leiden. Sie weiß aber genau, wer wann welche Medikamente nehmen muss.

Es ist eine andere Kunst. Ohne Benimmschranke im Kopf. Wenn die Schauspieler von Ramba-Zamba traurig sein sollen, dann sind sie traurig, nicht weil sie es sein sollen, sondern weil sie es sind. Sie lassen ihre Schultern hängen, ihr Kopf sinkt nach vorne, sie weinen echte Tränen. Manche sind auch verliebt ineinander. Sie zeigen ihre Zuneigung offen auf der Bühne. René mag Rita, deshalb begleitet er sie am Schlagzeug, wenn sie tanzt. Jenny mag das Publikum. Deshalb hat sie einmal bei einer Szene, als ihre Kollegen quer durcheinander spielten und damit ihr Gefühl für das Theaterstück störten, gerufen: „Ich arbeite in einem Café.“ Da war Ruhe, denn Jenny arbeitet, wenn sie nicht schauspielert, wirklich als Hilfskellnerin. Davor haben die anderen Respekt. In das Stück haben sie nun eine Szene im Café eingebaut. Und einige Liebestänze.

Der Ball ist weg. Doch ein Drama ist das nicht bei Ramba-Zamba. Das Leben ist noch da – es besteht aus Kostümen und Tänzen, aus Musik und Theater, aus spielerischem Ernst. Ein Herz ist kein Fußball. Aber Fußball ist nichts ohne Herz.

Das Stück wird von Freitag an bis zum 12. April sowie vom 12. bis 15. Juli im Kesselhaus der Kulturbrauerei aufgeführt (Ticket-Hotline: 437 34 744).

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