Kultur : "Der Barbier von Sibirien": Schneefest sowieso

Daniela Sannwald

Ob die Winter der Zarenzeit kälter waren als die im postkommunistischen Moskau? Man denkt es jedenfalls angesichts klingelnder Pferdeschlitten, auf denen sich in schwere Pelzdecken gehüllte Passagiere zur großen Eisrutschbahn auf der zugefrorenen Moskwa fahren lassen, um dort das Blini-Fest zu feiern. Vor der dick verschneiten Landschaft nehmen sich nicht nur die bunten Tücher der Babuschkas, sondern auch Feuerwerk und Volksfestbeleuchtung sehr hübsch aus. "Der Barbier von Sibirien" ist vor allem ein Ausstattungsfilm, der sämtliche Russland-Klischees wieder aufleben lässt. Erstaunlich, wie viele die realsozialistische Ära überdauert haben.

1885 kommt die Amerikanerin Jane (Julia Ormond) nach Moskau, um ihren Landsmann McCracken zu unterstützen, indem sie vorgibt, seine Tochter zu sein. McCracken ist Unternehmer und Erfinder einer Sägemaschine, mit der er die sibirischen Wälder abholzen will - "Der Barbier von Sibirien". Um sie weiterentwickeln zu können, ist er auf die Gunst von Moskauer Finanziers und Politikern angewiesen. Die charmante, kokette Jane soll ihm helfen, deren Herzen und Geldbeutel zu erobern. Die hat aber bereits mit dem Kadetten Andrej angebändelt, was schließlich ins Desaster führt. Erzählt wird die Geschichte aus Janes Sicht zwanzig Jahre später: Sie sitzt in Massachusetts und schreibt einen Brief an ihren und Andrejs Sohn, der nun selbst in der Kadettenausbildung ist. So wird gelegentlich vom Moskauer Winter 1885 zum neuenglischen Sommer 1905 hinübergeblendet - was den ohnehin unkonzentrierten Plot zusätzlich schwächt.

Vor lauter Weitschweifigkeit sind die großen Gefühle, der Gegensatz zwischen russischer Seele und amerikanischer Coolness, kaum zu erkennen. Natürlich sind Julia Ormond als Jane und Richard Harris als McCracken - beide waren in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" zu sehen - hinreißend in ihren Pelzmänteln, schneefest sowieso. Dass sie die Flatterhaftigkeit und er das brüllend-enthusiastische Entrepreneurtum übertreiben, passt gut zu Oleg Menschikows Darstellung des Andrej: einer, dessen dumpfe Verbissenheit Leidenschaften verrät. Es gibt zuviel Wodka, Pelzmützen und Champagner, zu viele dekorative Uniformen, knallende Stiefelabsätze und archaische Rituale, schließlich zu viel Lachen mit weit aufgerissenen, zahnlosen Mündern. Nikita Michalkow, der bekannt ist für seine Leinwandadaptionen russischer Klassiker, hat ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber wer im nieselfieselgrauen, unweihnachtlichen deutschen Dezember wenigstens im Kino einen Märchenwinter erleben möchte, der ist in diesem Film gut aufgehoben.

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