Kultur : Der Bauch des Alchemisten

Eine Entdeckung: der britische Maler Stephen Conroy in Schleswig

Michael Zajonz

Männer, nichts als Männer. Stephen Conroy malt, seine Schwester einmal ausgenommen, ausschließlich Männer in merkwürdigen Situationen - und meint doch die ganze Welt damit. Für sein bis Mitte der Neunzigerjahre geschaffenes Frühwerk plünderte der schottische Maler und Grafiker, Jahrgang 1964, hemmungslos die Kunstgeschichte. In einem Hauptwerk, dem Triptychon „Alchemy“ von 1990, erinnert der parallel zum Betrachter aufgebahrte Leichnam an Andrea Mantegna oder Giovanni Bellini; das überscharfe Seitenlicht zitiert Caravaggio; in Aufbau und Perspektive des Gruppenbildes meint man Rembrandts „Nachtwache“ zu erkennen; die über allem liegende Melancholie wäre eines Edward Hopper würdig.

„Alchemy“ ist der visuelle Dreh- und Angelpunkt von Conroys erster Einzelausstellung in Deutschland. Die selbstbewusst Retrospektive getitelte Schau im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf wurde möglich durch den Enthusiasmus des Hamburger Sammlers Harald Falckenberg und der Londoner Marlborough Gallery, die Conroy betreut. Fraglos genügen die Gemälde und Grafiken höchsten Ansprüchen. Conroy ist alles andere als ein Maler nur für Kunsthistoriker. Im Vereinigten Königreich gehört er zu den erfolgreichsten jüngeren Künstlern, die sich in der Tradition der School of London an figürlicher Malerei abarbeiten. Anders als Francis Bacon oder Lucien Freud greift Conroy den menschlichen Körper nicht direkt an. Mit zunehmender Härte demontiert er den narrativen Kontext seiner Figuren.

Deutlich wird dies Anfang der Neunzigerjahre, als ikonografische Schnipseljagd subtileren Bildstrategien weicht. Zwar erweist sich Conroy mit der Figur des Druckers, der in „Printmaking in England“ selbstvergessen vor (gemalten) Radierungen des Künstlers sitzt, sogar selbst eine Referenz. Doch zwischen Selbstzitat im Vordergrund und rauchig-nebligem Stadtgebirge à la William Turner schiebt Conroy beinahe unmerklich geometrische Flächen und Linien, die einer anderen Realitätsebene angehören müssen.

Voller List – und mit sehr britischer Gelassenheit – kommt Stephen Conroy als akademisch geschulter Eklektiker daher. Auch handwerklich kann dieser Tausendsassa einfach alles: von der pastosen Süffigkeit eines delikat kolorierten Seidenstoffs bis zu den feinsten Schraffuren; vom Altmeistersfumato bis zum Zitat abstrakter Farbfeldmalerei. Die enigmatische Tiefe ist geblieben. Doch nun schaffen schwarze Randstreifen oder rosarote Balken erst jenen Bildraum, in dem Conroys Kerle um ihre Integrität kämpfen.

Schleswig, Schloss Gottorf, bis 12. Oktober, tägl. 10-18 Uhr. Der Katalog kostet 19 Euro.

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