Kultur : Der Berg groovt

Stars und Newcomer: Das Festival St. Moritz Art Masters zeigt China-Kunst.

Marcus Woeller

Ai Weiwei geht gern in die Kirche. Mit seiner Kunst. Persönlich darf er sein Heimatland China bekanntlich nicht verlassen. Im Schweizer St. Moritz füllt jedoch ein mächtiger „Iron Tree“ des Künstlers die Reformierte Kirche. Ai setzt damit seine Serie monumentaler Baumskulpturen fort, erstmals hat er die verschraubten Einzelteile in Eisen gegossen.

Für die St. Moritz Art Masters, die seit sechs Jahren stattfinden, ist der verfolgte Kunststar ein willkommenes Aushängeschild. Denn das Festival sucht noch nach einer Identität zwischen Sommerloch- Event und kuratierter Schau, regionalem Kunstmarkt und Sponsorengaudi. Im Reigen der etwas wahllosen Ausstellungsprojekte, die sich im gesamten Oberengadin erstrecken, bildet der China-Schwerpunkt die einzige Klammer.

Die sieben Meter hohe Skulptur von Ai Weiwei hat der Kunsthändler Urs Meile nach St. Moritz gebracht. Er zeigt aber auch eine Ausstellung von Shao Fan, dem Spross einer Pekinger Künstlerfamilie, dessen dekonstruierte, aber in althergebrachter Technik gefertigte Möbel die Transformation der chinesischen Kunst zwischen asiatischem Handwerk und westlicher Moderne symbolisieren. Shao Fan nimmt damit eine Mittlerrolle ein zwischen Tradition und Aufbruch – eine Situation, die sich auch auf dem Kunstmarkt wahrnehmen lasse, erzählt der Sammler Uli Sigg. „Es hat sich geteilt in große Namen und sehr viele junge Künstler, die sich erst noch einen Namen machen müssen und für die das Leben, nachdem der Chinesen-Hype etwas abgeflaut ist, schwieriger geworden ist.“

Der Unternehmer und frühere Schweizer Botschafter in Peking gilt als einer der besten Kenner chinesischer Gegenwartskunst. In St. Moritz zeigt Sigg nun Werke junger chinesischer Maler. „Painstaking Painting“ fokussiert auf ein Merkmal, dass sich als Trend abzeichnet: der Hang zu technischem Aufwand und malerischer Virtuosität. „Den Chinesen kommen dabei handwerkliche Fähigkeiten zugute, die sie an den Akademien mit viel Drill und Arbeit erwerben.“ Xue Fengs Riesenformate erinnern zunächst an abgerissene Plakatwände oder psychedelische Stereogramme. In den Gemälden überlagern sich gestische Pinselschwünge, fleißige Feinmalerei und figurative Spuren zu einer visuellen Sinnesüberflutung. Liu Wie kann gar nicht mehr aufhören zu malen. Seine poppigen Landschaftspanoramen setzen sich aus vielen Schichten zusammen, die immer wieder die narrative Oberfläche durchbrechen. Die Künstlerin Li Xi widmet sich dem Diktat der Linie und tüncht ihre Leinwände mit Tee, während Ni Youyus goldgrundierte Naturskizzen erst im zeitraubenden Waschungsprozess entstehen.

Gesellschaftskritik liegt diesen Künstlern nicht. „Das muss aber nicht an Zensur oder Selbstzensur liegen“, schwächt Sigg die aufklärerische Erwartung an die chinesische Nachwuchsgeneration ab. „Es ist schwer, wenn man in einem unfreien Ambiente groß wird und immer mit Schranken gelebt hat. Viele Künstler haben mit politischen Themen nichts am Hut, nicht weil sie verboten sind, sondern weil sie sich für andere Aspekte interessieren."

Jenseits des Länderschwerpunkts fehlt den St. Moritz Art Masters noch eine stringente Idee, welche das Engagement für die Kunst in der Region wirklich bündelt. Auch deshalb hadert etwa der Kölner Galerist Karsten Greve mit der Veranstaltung. Er betreibt schon seit 1999 eine Dependance in St. Moritz, nimmt aber doch zum ersten Mal teil und zeigt so etwas wie den Status quo der chinesischen Gegenwartskunst: Mittlerweile etablierte Erneuerer wie Zhou Tiehai oder Ding Yi treffen auf die jüngere, konzeptuelle Position von Ma Jun, der westliche Konsumprodukte in traditionell verziertem Porzellan nachbildet. Marcus Woeller

St. Moritz Art Masters, noch bis 1.9.

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