Kultur : Der Berg ruft

Und die Künstler folgen: Was ihnen einfällt, wenn sie aufs Gebirge schauen, ist in Heidelberg zu sehen

Christina Tilmann

Vielleicht war es das „-berg“ im Namen Heidelberg, vielleicht auch die erklärte Leidenschaft des Kurators Hans Gercke fürs Bergsteigen. Oder das von der Uno ausgerufene „Year of the mountains“ 2002. Jedenfalls hat sich der Heidelberger Kunstverein nach den Themenausstellungen „Der Baum“ (1985) und „Blau – Farbe der Ferne“ (1990) als Abschluss der „Trilogie der drei B“ wiederum ein Generalthema gewählt: den Berg.

Einen solchen (kleinen) gibt es bei der Ausstellung in Heidelberg tatsächlich zu erwandern: zwischen Berg- und Talstation, dem Ottheinrichsbau des Schlosses, wo die Kunst der Gegenwart residiert, und dem Kunstverein, der die historischen Beispiele beherbergt. Das liebliche Mittelgebirgspanorama, das Gercke vom Philosophenweg aus vor Augen hat, inspirierte nicht nur Philosophen: Auch Romantiker wie Bernhard Fries lockte die fast italienisch anmutende Kulisse.

Zunächst ist es allerdings der Berg als Sehnsuchtsort, der durch die Jahrhunderte gesucht wird: die blauen Berge in der Ferne, die im Hintergrund frühneuzeitlicher Heiligen- und Genrebilder locken, die in goldenes Licht getauchten Hügel Italiens, die deutsche Romantiker wie Philipp Hackert und Carl Rottmann verzauberten, und die überwältigende Wucht des Alpengesteins, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr ins Blickfeld rückt.

Das Matterhorn als „deutscher“ Berg, die Felsschluchten und schließlich die farbenfrohen Motive der Expressionisten von Kirchner bis Kanoldt zeugen von einer anhaltenden Leidenschaft der Maler für das Thema Berg.

Spannender jedoch ist die Sicht auf die Bergwelt in der zeitgenössischen Kunst. Kaum ein Kunstwerk, in dem die Massivität nicht ironisch gebrochen, in dem die gefeierte „schöne Aussicht“ nicht persifliert oder zumindest reflektiert wird. Kronzeuge ist der israelische Künstler Dani Karavan, der den Blick in die Ferne durch schachtähnliche Konstruktionen lenkt und so der ungefassten Natur eine künstliche Fassung verleiht. Ähnlich arbeitet Martin Kargruber, der eine Holzsilhouette hinter eine mannshohe Betonwand stellt und damit den Horizont zum Greifen nahe rückt.

Genau anders herum gehen Künstler wie Stephan Huber oder Anish Kapoor vor, die ein Gebirgspanorama aus Gips bauen oder eine monumentale Skulptur aus Aluminiumplatten in Bergform gestalten und damit die Bergwelt in den von Menschen geschaffenen Innenraum holen. Ob die Künstler nun Steinplatten in Gebirgsform auf Schienen stellen (Hawoli) oder Kissen mit Bergmotiven bemalen (Peter Klare) – es bleibt bei dem Versuch, das unfassbar Große in fassbare Nähe zu übersetzen.

Daneben gibt es jedoch auch die ganz unverholene Freude an der Monumentalität. Simon Beer, der ein kreisrundes Weißhorn-Panorama in den Raum stellt, Mariele Neudecker, die Kunststoffberge in einem Glassee spiegelt, Nick Dekker oder Holger Albrich, die die Bergwelt in Landschaftsfotografien à la Anselm Adams feiern, zeigen Schönheit ohne Brechung. Die ironische Wendung eines Urs Breitenstein, der Mehlberge auf seinen Schuhsohlen türmt, eines Nik Kern, der eine Berg-Schablone vor seine Linse montiert und so Bergbilder fotografiert, eines Klaus Staeck, der ein aufgeklapptes Schweizermesser auf einen Granitstein montiert, oder eines Wim Delvoye, der banale Sprüche meterhoch in Felswände schlägt, ist dagegen eher eine Seltenheit. Doch wie sagte schon...?

Heidelberger Kunstverein, bis 19. Januar 2003. Katalog im Kehrer Verlag, 42,50 €.

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