Kultur : Der Berg ruht, doch die Lawine rollt

MANUEL BRUG

Der Dinnerdance als Totentanz? Fast wie auf einer Beerdigung soll es am Samstag abend auf der Hauptbühne der Deutschen Oper zugegangen sein, wo ein angeschlagener Götz Friedrich den alljährlichen social event für seinen mächtigen Förderkreis ausrichtete.Von dessen Vorstand war freilich niemand erschienen.Dafür wurde am nächsten Tag von Förderkreis-Mitgliedern dem Regierende Bürgermeister nahegelegt, den Rücktritt des Intendanten zu verhindern - welcher aus der Kulturverwaltung schon mal vorsorglich als sich ankündigender fait accompli unter das nach panem et circenses gierende Volk gestreut worden war.

Zwei Tage später hat sich der Kampf jeder gegen jeden und alle gegen Götz Friedrich weiter verschärft, so daß dieser am Mittwoch seine für Freitag geplante Jahrespressekonferenz um eine Woche verschoben hat.Der Personalrat der Oper ist nämlich mit einem internen Papier an die Öffentlichkeit getreten (siehe Tagespiegel vom 16.Juni), worin er sich offen gegen den Intendanten stellt.Teile der Belegschaft haben sich von der Erklärung schon distanziert.

Die Deutsche Oper steht schlecht da, sehr schlecht sogar, weil es ihr künstlerisch und jetzt auch noch finanziell dreckig geht.Nur ist das keine plötzliche Entwicklung.Jetzt bricht vielmehr eine Lawine los, die sich jahrelang vor den Augen der Politiker angestaut hatte, ohne daß eingegriffen wurde.Diese könnte, wenn es schlecht läuft, die Deutsche Oper unter sich begraben.Daran ist Götz Friedrich schuld.Aber eben nicht nur, was man jetzt im Tohuwabohu geifernder Schuldzuweiser, die für das ständig weiter wachsende 20-Millionen-Defizit alle zum fröhlichen Intendanten-Halali blasen, gerne übersehen soll: auf daß die Weste der anderen um so reiner leuchte.Ein schäbiges Spiel, in dieser Stadt hat es Tradition.Am Ende der Jagdpartie steht allerdings - das sollte die Vergangenheit lehren - oft nur der traurige Anblick eines geschlossenen Theaters.Das gilt es wenigstens diesmal zu verhindern.

Götz Friedrichs Vertrag hätte 1996 nicht mehr verlängert werden dürfen - genausowenig übrigens wie, aus künstlerischer Sicht, der von Harry Kupfer.Er hatte allerdings die Klugheit, einen Finanzmann an die Spitze der Komischen Oper zu setzen.Albert Kost mußte das Sparen lernen - das hat sich an der Behrenstraße ausgezahlt.Nur waren dort reichlich Polster vorhanden, da der Personalbestand und die Probenzeiten in dem ehemaligen Osthaus üppig bemessen wurden.Inzwischen wird weniger geprobt, das Ensemble besteht zu großen Teilen längst aus Gästen, was zur Folge hat, daß immer wieder Vorstellungen ausfallen müssen, weil nicht kurzfristig umdisponiert werden kann.Die Staatsoper, wo personell auch Luft war, ist nach dem Ablassen derselben einen anderen Weg gegangen.Hin zur Luxusklientel, finanziell lukrativen Tourneen, einem total ausgedörrten Spielplan, einem Ballett, das seine wenigen Kassenfüller gnadenlos abtanzen muß, vielen Schließtagen und dann und wann einem kleinen Defizit.

Götz Friedrich hat sich von solchen Überlegungen leider nicht leiten lassen.Er hat gespart, aber an den falschen Stellen.Zum Beispiel bei den Gaststars, die, wenn sie denn kommen, wie jetzt Mirella Freni oder Eva Marton, das Haus mühelos füllen, auch wenn Inszenierungen und Protagonisten alles andere als taufrisch sind.Statt attraktiver Publikumsfänger an der Bismarckstraße also weiterhin die Dauer-Gastsängerin Karan Armstrong - so wie schon in vergangenen Jahrzehnten, wo sich nur keiner daran störte.Im übrigen waren viele der zum Teil überstürzt vorgegeben Sparauflagen gar nicht zu erfüllen.

Götz Friedrich hat weiterhin inszeniert, was er wollte, hat neben sich - außer Hans Neuenfels - keinen starke Regiepranke geduldet, sich mit braven Vasallen umgeben, keine Widerspruch geduldet, autokratisch sein Haus regiert.Und er hat seine blassen Ballettdirektoren die Tanztruppe immer mehr in den Graben fahren lassen.Hat anderswo inszeniert, statt sich auf sein Schlagseite bekommendes Haus zu konzentrieren, Juryvorsitze übernommen, ist zumindest nominell in Hamburg immer noch Leiter des Studienganges Opernregie.Dabei ist die Zeit omnipräsenter Intendanten-Dinosaurier an komplexer zu führenden Opernhäusern vorbei.Jetzt, viel zu spät, muß das auch Friedrich bewußt werden.

Spätestens am Montag hätte er zurücktreten sollen.Dann hätte die Politik handeln müssen, um das drohende Kainsmal einer abgewickelten Deutschen Oper von sich abzuwenden.Nun bleibt Götz Friedrich, das Spiel jedoch wird immer unwürdiger.Gegen die Ränke aus dem eigenen Hause und das parteipolitische Geklüngel derer, die ihn stützen, und der, die ihn loswerden wollen, wird er sich auf Dauer nicht halten können.Ein Neuanfang mit ihm wird nicht möglich sein, dazu müßte er seine Ideale und damit auch seinen Ruf verraten.Der Personalrat der Deutschen Oper favorisiert als Nachfolger den Generalmusikdirektor Christian Thielemann.Das könnte nur eine zeitlich befristete Notlösung sein, ist er doch viel zu unerfahren und hat darüberhinaus mit der Konsolidierung seines Orchesters zu tun.Man kann aus der Deutschen Oper keinen Billig-Opernladen machen, was die Folge des vom Personalrat vorgelegten Konzeptes wäre.So wie es die "Stullen-Oper" im Theater des Westens der Zwischenkriegszeit gewesen ist: Mittelmaß sollte die Hauptstadt sich nicht mehr leisten.Oper kostet, und wenn sie gut ist, erst recht.Dafür fließt dann einiges wieder in die Kasse zurück.

Deshalb muß - nüchtern betrachtet - ein Masterplan her, der nicht nur die Deutsche Oper in sichere Gewässer lotst, sondern endlich die Berliner Opern als Gesamtheit strukturiert.Est muß die Deutsche Oper mit einer neuen Mannschaft - warum nicht Thielemann mit einem Verwaltungsmann aus dem Haus? - die nächsten zwei Jahre überleben, künstlerisch anständig (die Pläne sind sowieso schon festgezurrt), ohne ansteigende Defizite.Dafür wird ein Bauernopfer gebracht werden müssen.Künstlerisch am Nullpunkt und mit den meisten kündbaren Positionen, kann hier schon Ende nächster Spielzeit Tabula rasa gemacht werden.Was den Weg freimacht für das BerlinBallett und den Tänzern der Komischen Oper (die vorsorglich bereits gekündigt wurden) und der Lindenoper die Stellen erhält.Dann aber müßte - die Intendantenverträge stehen 2001 und 2002 alle zur Disposition - über eine große Lösung nachgedacht werden.

Wenn sich nicht Bundes- und Landespolitiker auf eine große Lösung - mit deutlich mehr Geld - verständigen, um die Strahlkraft der Berliner Opernleuchttürme von der Funzelstärke wegzudrehen, wenn man die einmalige, historisch gewachsene Situation dieser Immernoch-Kulturstadt nicht bewahren will, dann kann die nur heißen: Zusammenlegung der Deutschen Oper und der Lindenoper unter einer Intendanz bei Verschmelzung der Orchester, Chöre und Verwaltungen und allmählichem Stellenabbau von etwa einem Drittel.So könnten, nach dem Pariser Vorbild Palais Garnier - Opéra Bastille, beide Häuser ihrer Größe entsprechend mit dem geeigneten Repertoire bestückt werden.So könnte - bei gleichem Etat - wieder Kunst produziert, statt Mangelverwaltung betrieben werden.Gleichzeitig gilt es, das Profil der Komischen Oper zu schärfen und auszubauen.Zumal für so einen sicherlich harten Einschnitt der geeignete Mann, der hinter den Kulissen längst sein Interesse bekundet hat, bereit steht: Gerard Mortier, dessen Salzburger Vertrag 2001 endet.Wenn man ihn schließlich doch nur als Intendant der Deutschen Oper bräuchte, dann wäre das natürlich noch schöner.

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