Kultur : Der Bergaufsteiger

Drei Häuser unter einem Hut: Max Hollein mischt die Frankfurter Museumsszene auf

Christina Tilmann

2005, auf der Biennale von Venedig, hat Max Hollein den österreichischen Pavillon kuratiert. Und den Bildhauer Hans Schabus gewonnen, der den klassischen Ausstellungspavillon von Josef Hoffmann mit einem gigantischen Berg überbaute. 2000 Meter Dachpappe, mehr als 13 000 Meter Holz, 1000 Sandsäcke, und wochenlange Handarbeit, dann schob sich ein gigantischer grauer Hügel über den Pavillon. Der Besucher kletterte über Treppen im Inneren, blickte immer wieder durch Luken auf die umgebende Gartenlandschaft der Giardini, und auf der höchsten Spitze, der Plattform auf dem Gipfel, stand Max Hollein und blickte stolz nach unten.

Eine beachtlichen Berg bestiegen hat der 37-jährige Österreicher auch in seiner beruflichen Laufbahn – und ist, zumindest vorerst, auf dem Gipfel angelangt. 2001 kam er aus New York nach Frankfurt und übernahm die etwas heruntergewirtschaftete Kunsthalle Schirn. Seit Januar 2006 führt er in Personalunion außerdem das altehrwürdige Städel-Museum samt angeschlossenem Liebieghaus für mittelalterliche Skulptur. In der Frankfurter Museumsszene ist Max Hollein der mächtigste Mann.

Und dann sitzt der mächtigste Mann in seinem kleinen, voll gerümpelten, im Sommer glühend heißen Arbeitszimmer in der Schirn, und ist angesichts der neuen Machtfülle keineswegs arrogant, sondern ernsthaft und angenehm selbstbewusst. „So viel Schizophrenie müssen Sie mir schon zutrauen, dass ich gleichzeitig für ein Museum, eine Kunsthalle und eine Spezialsammlung wie das Liebieghaus denken kann“, pariert er die Frage, ob die Ämterhäufung in einer Person nicht schädlich für die kulturelle Vielfalt der Stadt sei. Udo Kittelmann am benachbarten Museum für Moderne Kunst, und die Spanierin Chus Martinez, die gerade den Frankfurter Kunstverein von Nicolas Schafhausen übernommen hat, seien ihm wichtige Sparringspartner: „Ich denke immer kompetitiv.“ Dem Dreigespann Hollein / Schafhausen / Kittelmann war es in der Tat zu verdanken, dass Frankfurt, was Gegenwartskunst angeht, in den vergangenen Jahren besonders interessant war. Eine neue Generation von Museumsleuten tritt an.

Nun allerdings steht für Hollein mit dem Städel-Museum eher alte Kunst auf dem Programm. Ein reines Haus für Gegenwartskunst wäre für ihn nicht in Frage gekommen, betont der studierte Kunsthistoriker und Wirtschaftswissenschaftler, der seinen Magister über den Kunstmarktboom der Achtzigerjahre machte: „Die großen museologischen Aufgaben der Zukunft liegen im Bereich der alten Meister“. Hier gelte es, die Bilder, die viele Besucher nur noch im Vorbeigehen wahrnähmen, wieder zum Sprechen zu bringen: Bilder alter Meister würden nur noch als ästhetische Folie wahrgenommen, klagt Hollein. Im Ausstellungswesen diagnostiziert er mit Picasso, Matisse, Duchamp eine Flut an klassischer Moderne. Ensor, die Nazarener, aber auch mittelalterliche Kunst wie die Ausstellung „Kult Bild“, die derzeit im Städel läuft, seien ganz andere Herausforderungen. Für die Zukunft plant man im Städel Ausstellungen zu Lucas Cranach, Hans Baldung Grien und dem Meister von Flémalle.

Ein Museum, so Hollein, sei schließlich keine Kunsthalle: „In der Schirn konnten wir uns schon erlauben, Ausstellungen einmal wie Thesen in den Raum zu stellen, Fragen zu stellen, Vorschläge zu machen.“ Zum Beispiel zu testen, inwieweit „Shopping“, so der Titel seiner Einstandsausstellung 2002, auch in der Kunstwelt eine Rolle spielt. Ob elektronische Musik im Museumsrahmen vermittelbar sei. Oder ob sowjetische Propagandakunst auch im westlichen Kontext von Interesse ist. Im vergangenen Jahr setzte die Schirn, lange vor dem gegenwärtigen Caspar-David-Friedrich-Boom, auf Malerei und Romantik. Trendsetter der Kunstszene also, die erspüren, welche Themen gerade aktuell sind – durchaus mit dem Ehrgeiz, die ersten zu sein. „Wir möchten eine prägnante Stimme in der aktuellen kunsthistorischen Diskussion sein. Das geht nur durch intensive Beobachtung der Gesellschaft. Es ist fast eine journalistische Tätigkeit“, so Schirn-Chef Hollein.

Für das Städel mit seinen herausragenden Sammlungsbeständen muss es wissenschaftlicher zugehen: „Ein Museum macht, im Gegensatz zur Kunsthalle, Feststellungen, die auf einer langen Forschungs- und Sammlungstradition basieren. Ausstellungen sind hier im Grunde nur Momente, in denen diese Forschung an die Öffentlichkeit dringt.“ Überraschend neue Präsentationen sind trotzdem gefragt. So stellt das Städel derzeit in einer wunderbaren Kabinettsausstellung zwei Dürer-Bildnisse aus Frankfurt und Berlin gegenüber. Und im Foyer sind die Werke des Historismus und der Düsseldorfer Schule auf kräftig blauem Untergrund neu aufmarschiert.

Es geht – Hollein ist nicht umsonst auch Betriebswirt – auch immer um eine gesunde Mischkalkulation. Das Publikum sei inzwischen sehr diversifiziert, das vom Kind zum Senioren, vom Laien zum absoluten Connaisseur reicht. Vier Kataloge und sieben Audioguides hat das Städel bei großen Ausstellungen im Angebot, für jeden ist etwas dabei, von der Kinderführung bis zu speziellen Fragen zu Religion und Kunst. Und doch ist Hollein, was Museumspräsentation angeht, geradezu erfrischend altmodisch: „Ich bin ein entschiedener Gegner davon, mit unserer heutigen Rasanz der Informationsverarbeitung mithalten zu wollen, und das Museum mit Internetterminals vollzustellen. Das Museum ist ein asynchroner Ort, einer, der ein anderes Rezeptionsverhalten verlangt. Gerade darin liegt seine Stärke.“

Diese Ernsthaftigkeit hätte Hollein kaum jemand zugetraut, als er 2001 als 32-Jähriger nach Frankfurt berufen wurde. Deutschlands jüngstem Museumschef, der zudem ungeheuer smart und weltläufig auftritt, schlugen durchaus misstrauische Töne entgegen. Zumal er zuvor in New York beim Guggenheim-Museum als persönlicher Assistent von Guggenheim-Chef Thomas Krens gearbeitet hatte. Das Guggenheim-Prinzip, so ein Schlagwort von Frankfurts ehemaligem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, hatte gerade in Frankfurt einen besonders schlechten Ruf. Auch, dass der Vater von Max Hollein der bekannte österreichische Architekt Hans Hollein war, der in Frankfurt das benachbarte Museum für Moderne Kunst gebaut hatte, dürfte in dem Zusammenhang eher geschadet haben – ob er sich nur durch seinen Namen empfohlen habe, wurde hinter der Hand gemunkelt.

Fünf Jahre später sind alle kritischen Töne verflogen. Ein Glücksfall, jubelten Kommunalpolitiker, als sie ihren Coup der Öffentlichkeit vorstellten. Dass es auch darum gegangen war, den inzwischen sehr gefragten Museumsmann in der Stadt zu halten, war offenes Geheimnis – schon hatten, Gerüchten zufolge, Institute von Wien bis Berlin Interesse angemeldet. Doch Hollein, der in Frankfurt-Sachsenhausen wohnt und inzwischen Vater von drei Kindern ist, gibt sich bodenständig: Es gib in Frankfurt noch so viel zu tun, dass er die nächsten fünf Jahre sicher bleiben werde, pariert er Abwanderungsgerüchte. Und schwärmt von der Frankfurter Bürgergesellschaft, die für seine Anfragen nicht taub gewesen sei. Sponsoren einwerben, Kontakte aufbauen, um auch ausgefallenere Konzepte zu bewältigen, das hat der Wirtschaftswissenschaftler nicht zuletzt im Guggenheim gelernt. Was nach fünf Jahren sein wird, lässt er offen. Max Hollein wird noch viele Gipfel besteigen.

WIEN

Geboren 1969 in Wien als Sohn des Architekten Hans Hollein .

Studium der Betriebswirtschaft und Kunst-

geschichte in Wien,

Magister über den Kunstmarktboom der Achtzigerjahre.

NEW YORK

1995 zunächst Projektleiter am Guggenheim-Museum , dann enge Zusammenarbeit mit Guggenheim-Direktor Thomas Krens .

Ab 1998 verantwortlich für den Aufbau der Deutschen Guggenheim Berlin und Guggenheim Las Vegas. Daneben 2000 Kurator des US-Pavillons auf der Architekturbiennale Venedig.

FRANKFURT

2001 Künstlerischer und kaufmännischer

Leiter der Ausstellungshalle Schirn . Ab Januar 2006 Direktor des Städelschen Kunstinstituts sowie des Liebieghauses. Daneben 2005

Kurator des österreichischen Pavillons auf der Kunstbiennale von Venedig. Max Hollein

ist verheiratet und hat drei Kinder.

LITERATUR

Max Hollein : Unternehmen Kunst. Entwicklungen und Verwicklungen. Verlag Lindinger + Schmid, Regensburg 2006. 224 S., 19,80 €

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