Der Berlinale-Chef über Flüchtlinge : Der Clash der Kulturen testet unsere Toleranz

Bereits das Zusammenleben mit Migranten hat unsere Gesellschaft positiv verändert, die Flüchtlinge tun dies erneut. Wir brauchen das, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick - und die Berliner Filmfestspiele leisten ihren Beitrag.

Dieter Kosslick
Die Cousins Jamal (Jamal Udin Torabi, rechts) und Enayat (Enayatullah) wollen in London ein neues Leben finden. Szene aus Michael Winterbottoms Film "In This World", der 2003 auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt.
Die Cousins Jamal (Jamal Udin Torabi, rechts) und Enayat (Enayatullah) wollen in London ein neues Leben finden. Szene aus Michael...Foto: Imago

Wenn sich die Berlinale jetzt für Flüchtlinge engagiert, dann haben wir kein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das müssten eher Politiker, Waffenhändler, Börsenspekulanten und kaltherzige Menschen haben, die erst für diese Flüchtlingskatastrophe gesorgt, damit Geld verdient haben und die jetzt scheinheilig die Flüchtlinge als Schuldige und Terroristen beschimpfen.

Seit Beginn des Festivals 1951 haben wir nur positive Erfahrungen mit der „Willkommenskultur“ gemacht. Die Berlinale gäbe es ohne sogenannte Ausländer gar nicht, und die elf Festivaltage am Potsdamer Platz zeigen, mit welcher positiven Energie und Lebensfreude die kulturelle Vielfalt ein friedliches Fest feiern kann.

Natürlich fragt man sich nach den Pariser Anschlägen jetzt auch, was friedliche Zusammenkünfte und Festivalmottos wie „Accept Diversity“ oder „Towards Tolerance“ überhaupt nützen. Ich war kürzlich mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und einer Kulturdelegation in Jordanien, im saudi-arabischen Riad und in Teheran. Dort sprach Steinmeier an der Universität vor Studenten und Politikern, auch ich warb in einem Workshop über kulturelles Verständnis für das Steinmeier’sche Sechs-Augen-Prinzip: Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, seine eigenen zwei Augen, und mit je einem Auge nimmt man versuchsweise den Blick des anderen ein, quasi einen gemeinsamen Blick, um über den Perspektivwechsel auch zu einer gemeinsamen Sicht zu kommen.

Die Studierenden dort wussten alle, dass der iranische Regimekritiker Jafar Panahi im Februar den Goldenen Bären gewonnen hatte und dass die Berlinale sich seit Jahren für das iranische Kino engagiert. Aber hinten im Hörsaal stand ein Herr auf und meinte, dass unsere Kulturen und Religionen ein wechselseitiges Verständnis ausschließen. Ich wies dann darauf hin, dass Teile des Korans und der Bibel durchaus Ähnlichkeiten aufweisen und dass Jesus nicht nur Christ war, sondern auch Jude. Das war das Ende der Diskussion. Eine Verständigung, die nicht gelingen wollte.

Dieter Kosslick, Chef der Berlinale.
Dieter Kosslick, Chef der Berlinale.Foto: Mike Wolff

Dabei bin ich davon überzeugt, dass Kulturen einander eher akzeptieren können, wenn wir versuchen, die Gemeinsamkeiten herauszufinden. Wie können wir in Würde leben? Was brauchen wir? Wie finden wir unser Glück? Die Formen mögen verschieden sein, aber bei den Zielen sind die meisten Menschen sich mit Sicherheit einig. Sie möchten ein menschenwürdiges Leben in Frieden.

Im Kino ist das Sechs-Augen-Prinzip eine Selbstverständlichkeit. Durch die Leinwand schauen wir wie durch ein offenes Fenster in eine andere Welt oder sind mitten drin. Über 20.000 Festivalteilnehmer aus 130 Ländern kommen jährlich zur Berlinale, mehr als 500.000 Mal gehen Berlinale-Fans an den elf Festivaltagen ins Kino. Seit 65 Jahren ist die friedliche Koexistenz von Ausländern bei uns Programm. Natürlich ist sie außerhalb des Illusionsraums Kino und des Schutzraums Festivals viel schwerer herzustellen. Dennoch lassen sich Diskussionsmöglichkeiten eher über die Kultur herstellen als über die Ökonomie, geht es ihr doch naturgemäß um den Profit und weniger um den Austausch.

Wenn es uns gelingt, die Angst vor dem Terror nicht mit dem aktuellen Zuzug der Flüchtlinge kurzzuschließen, könnten die Flüchtlinge uns zu einem großen gesellschaftlichen Toleranzexperiment verhelfen. Bereits das Zusammenleben mit Migranten hat unsere Gesellschaft positiv verändert, die Flüchtlinge tun dies erneut. Die Berlinale als Toleranzzone hat Übung mit diesem Experiment. Wir haben beste Erfahrungen mit der Völkerverständigung gemacht, mit einer einzigen Ausnahme. Als Michael Cimino 1979 seinen Vietnamfilm „The Deer Hunter“ im Wettbewerb zeigte, reisten die Sowjets und andere Delegationen aus dem Ostblock ab und zogen ihre Filme zurück – angeblich weil der Film die Vietnamesen beleidigte. Ein großes Missverständnis in Zeiten des Kalten Krieges.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben