• Der Berliner Polizeipräsidenten der Weimarer Republik, der die Demokratie notfalls auch mit Gewalt verteidigen - Eine Biografie

Kultur : Der Berliner Polizeipräsidenten der Weimarer Republik, der die Demokratie notfalls auch mit Gewalt verteidigen - Eine Biografie

Stefan Berkholz

Albert Grzesinski war ein herausragender sozialdemokratischer Politiker seiner Zeit, als "Führungsperson der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft" bezeichnet ihn sein Biograf Thomas Albrecht: 1926 bis 1930 preußischer Innenminister, davor und danach Polizeipräsident von Berlin, Parlamentarier im preußischen Landtag. Kein Volkstribun mit Charisma, sondern ein Verwaltungsfachmann und Organisator, der die Demokratie mit rücksichtslosen, notfalls gewalttätigen Mitteln sichern und retten wollte.

"Wenn man die Macht hat", formulierte Grzesinski 1943 seinen Grundsatz, "setzt man seinen Willen durch, hat man sie nicht, bringt einen auch die Festlegung auf ein vorher geschriebenes Programm nicht weiter und nicht zum Ziel." Zu seinen Verdiensten zählten die Verwaltungsreform, das heißt der Aufbau der preußischen Verwaltung mit demokratischen Beamten, und die Ergänzung der Polizei mit sozialdemokratischen Kräften. Aus dem Obrigkeitsstaat kaiserlicher Prägung sollte auf Dauer ein "Volksstaat" werden.

Am Ende half alles nichts, die Zeit für Reformen war zu knapp. Grzesinski wurde aus dem Amt gejagt, als im Juli 1932 die letzte demokratische Bastion im Reich gefallen war. Preußen wurde vom Herrenreiter Franz von Papen, einem der Wegbereiter Hitlers, per Staatsstreich auf Linie gebracht. Den Nazis aber prägte sich Grzesinski auf besondere Weise ein: Hitler hatte er aus dem Reich ausweisen lassen wollen. Als dies misslang, weil es rechtlich nicht möglich war, regte Grzesinski im Februar 1932 öffentlich an, den Gröfaz "mit der Hundepeitsche" davonzujagen. So blieb, nach der Machtübergabe an Hitler, nur die Flucht aus Deutschland. Arm und einsam starb Grzesinski 1947 in den USA, im Alter von 68 Jahren.

Merkwürdigerweise gab es über diesen Sozialdemokraten bisher keine Biografie, obwohl genügend Material in verschiedenen Archiven zu finden ist. Der Historiker Thomas Albrecht hat dieses Versäumnis nun behoben. Er habe den Gründen für die politische Stabilität in Preußen nachgehen wollen, bemerkt Albrecht in seiner Einleitung, und er habe "ein möglichst nuanciertes und facettenreiches Persönlichkeitsbild" entstehen lassen wollen, um damit "zu einer gerechten Bewertung" zu gelangen.

Eine Entwicklung ist nun abzulesen, ein Lebenslauf vom Metallarbeiter und Gewerkschaftsfunktionär über den Parlamentarier und Verwaltungspraktiker bis hin zum verarmten Exilanten und Organisator von Vertriebenengruppierungen. Anmerkungen geben weiteren Aufschluss, im Anhang finden sich Leseanregungen, ein Namenregister ermöglicht einen schnellen Zugriff. Etwas zu dröge vielleicht im Stil, etwas zu speziell, mag sein, in den Passagen über die Verwaltungsgeschichte. Aber ansonsten: Alles bestens, möchte man sagen, auf den ersten Blick jedenfalls.

Doch ist die Arbeit wirklich so ausgewogen, wie Albrecht verspricht? Blättert man bei linken und linksliberalen Publizisten der Weimarer Republik nach, liest man deren Kommentare zur Zeit, beginnt man zu zweifeln. Carl von Ossietzky beispielsweise, der Herausgeber der "Weltbühne", warb jahrelang für eine Einigung der Arbeiterparteien, um damit den Machtantritt der Nationalsozialisten zu verhindern.

Ossietzky, moderat links eingestellt und parteilich ungebunden, sprach sich wiederholt gegen Grzesinskis verbohrten Antikommunismus aus. Einen "Kampf nach zwei Fronten" beklagte der Publizist, "in der Praxis ärgerliche Schonung der Hitlerleute". Und nach dem erzwungenen Rücktritt Grzesinskis sah Ossietzky ihn 1930 "als Arbeiterfeind abgestempelt". Tucholsky geißelte in den 20er Jahren wiederholt "die Militarisierung der preußischen Polizei", sie sei "auf den Bürgerkrieg gedrillt", stellte er fest.

1929 kam es in Berlin zum blutigen Fiasko dieser "wehrhaften" Politik gegen Rechts wie Links. Grzesinski hatte ein Demonstrationsverbot verhängen lassen, ausgerechnet auch für den 1. Mai, den Tag des Arbeiters. Die Kommunisten hielten sich nicht an das Verbot, im Zusammenspiel mit der Sturheit des Staatsapparates geriet die "Machtprobe" außer Kontrolle. Polizisten schossen auf unbewaffnete, häufig sogar unbeteiligte Menschen in Wedding und Neukölln, mehr als dreißig Tote blieben auf der Straße zurück. Nicht ein Polizist war durch ein Geschoss verletzt worden, wie es die Verantwortlichen, auch Grzesinski, anschließend behaupteten. Es hatte keine "Straßenkämpfe" gegeben, die Polizisten drehten einfach durch.

Thomas Albrecht handelt das Kapitel knapp und verständnisvoll ab. Kritische Töne sind in seiner Studie kaum zu finden, die Stimmen zeitgenössischer Publizisten fehlen. Albrecht referiert vor allem Grzesinskis Einstellung. Der Historiker wagt zwar von "Rücksichtslosigkeit" zu sprechen, nennt Grzesinskis Rechtfertigungen auch "beinahe zynisch". Doch Albrecht übernimmt vor allem die SPD-Sichtweise, bezeichnet den sogenannten "Blutmai" als "Episode ohne überragende Bedeutung".

Albrechts Argumentation läuft auf eine Verteidigungsschrift hinaus. In diesem Ton ist die gesamte Biografie gehalten. Das vorliegende Buch schließt eine Lücke, beantwortet aber keine Fragen. Es ist die erste politische Biografie über den sozialdemokratischen Politiker. Leider eine etwas kuhwarme Fassung aus Vereinssicht. Man muss weitere Literatur zur Hand nehmen, um sich ein Bild zu machen.Thomas Albrecht: Für eine wehrhafte Demokratie. Albert Grzesinski und die preußische Politik in der Weimarer Republik. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1999. 384 Seiten. 58 Mark.

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