Kultur : Der Besessene

G. G.

"Der Begabteste, aber wohl auch der Zerrissenste" ist Thomas Brasch für Peter Schneider gewesen, den Kollegen und Freund, der zusammen mit vielen anderen am Sonntagvormittag im Berliner Ensemble von dem am 3. November gestorbenen Dichter Abschied nahm. Textlesungen, Liedvorträge, Filmausschnitte, dazu Erinnerungen an die Person, mitgeteilt von Christoph Hein, George Tabori, Siegfried Unseld, Matthias Langhoff, Luc Bondy, Claus Peymann - ein Füllhorn schüttete sich aus. Am längsten sprach der Verleger über seinen Autor; Unseld verriet, dass Brasch das Angebot, die Frankfurter Poetikdozentur zu übernehmen, abgelehnt habe ("für einen Theoretiker bin ich nicht gemacht"), kündigte an, ein nachgelassener Gedichtband ("Sprechsaal") sei noch zu sichten, und gab Einblick in den langen Kampf um das ausufernde Prosawerk "Mädchenmörder Brunke", das dann nach Jahren des Ringens 1999 in 99-Seiten-Kurzfassung erschien - "ein Besessener seines Stoffes" habe da zuvor fünfhundert, tausend, zehntausend Seiten lang die passende Form nicht gefunden. Eine These, die Katharina Thalbach zu spontanem Einspruch herausforderte: Die Zukunft werde die Form, die in den sechs Manuskriptbänden stecke, schon noch erkennen. Auch Matthias Langhoff hat seine Erfahrungen mit diesem "Brunke" gemacht, aus der Pariser Distanz: Brasch pflegte ihn zu nächtlicher Stunde anzurufen mit der Bitte, eine beliebige Zahl zu nennen, um ihm daraufhin die entsprechende Seite des Textes vorzulesen. "Jede Seite war genug, um für eine Minute sprachlos zu werden." Es wäre keine schlechte Idee, so Langhoff, wenn das Berliner Ensemble in seinem Haus einen Raum schüfe, in dem sich so etwas nachmachen ließe. Die Neugier auf das Opus Maximum ist jetzt jedenfalls geweckt. Wie sagte doch Michael Maertens, aus Braschs Nachdichtung des Shakespeareschen "Richard II." rezitierend: "Ihr habt mich nicht gekannt die ganze Zeit."

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