Kultur : Der beste Deutsche

Max Schmeling und der Wunsch nach einer anderen Vergangenheit

Matthias Deutschmann

Nach eingehender Lektüre des deutschen Blätterwaldes bin ich mir sicher: Ein großer Mann ist von uns gegangen, still und leise und ohne vorher bei „Bild“ oder wenigstens bei der ARD anzurufen. So bleibt dem Leitwolf im Regenbogenrudel nur die schlappe Sonnabendschlagzeile: „Warum so heimlich?!“ Tja, warum so diskret, wenn’s auch Moshammer geht? Vielleicht liegt es einfach daran, dass Max Schmeling Charakter hatte.

Nach seinem Tod ist die Boxerlegende Max Schmeling eine verschärfte nationale Angelegenheit: Chefsache auf Bellevue wie auch im Kanzleramt. Maxe ist ein deutscher Mythos. Wehe dem, der jetzt zu Schmeling schweigt. Also müssen alle was sagen. Sei es uns Uwe, der leider kein Mythos ist, weil er zu oft den Mund aufmacht, oder Endlosweltmeister Schumi, der zwar prächtig im Kreis herumfährt, aber zum Tode Schmelings offenbar keinen geraden Satz rausbringen kann: „Selbst wenn ich ihn nie kennen gelernt habe, habe ich sein Leben aus der Ferne wahrscheinlich genauso beobachtet wie jeder andere Sportfan.“

Dieser Nachruf erzwingt förmlich die Frage, warum Max Schmeling schon zu Lebzeiten geschafft hat, was einem Schumi nie gelingen wird, selbst wenn er noch so tragisch gegen die Wand führe. Seine Siege sind hightech-sterilisiert. Es gibt zu viele davon. Die Erinnerung an New York 1936, Joe Louis vs. Max Schmeling ist stärker – und angenehmer.

Wer hier Nostalgieverdacht äußert, liegt absolut richtig. Max Schmeling steht für den Wunsch nach einer anderen Vergangenheit. Max, der freundliche Sportsmann, die ehrliche Haut mit der ehrlichen Faust. Von Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Fritz Kortner bewundert, von George Grosz in Öl gemalt. Schmeling war unser Mann in Amerika! Er hatte keine Chance, aber er hat sie genutzt! Ein Kämpfer, der 1930 in New York triumphierte, als es mit der ungeliebten Weimarer Republik bereits deutlich abwärts ging. Schmeling holt die Zeit für einen Moment zurück, als Berlin nicht nur Hauptstadt, sondern auch Metropole war, als es eine echte Bohème gab und die Society noch nicht nach Desirée Nick roch. Entscheidend für den Mythos Schmeling sind allerdings Sieg und Niederlage gegen seinen späteren Freund Joe Louis. Der K.o.-Sieg 1936 brachte Weltruhm und die – vermutlich wichtigere – verheerende Niederlage im Jahre 1938 bewahrte ihn vor der Propagandamaschine der Nazis. Vielleicht hat dazu auch Joe Louis mit seinem Resümee des Kampfes beigetragen: „Ich habe dem Arier die Scheiße herausgeprügelt!“

Schmeling musste nicht an die Propagandafront. Das Streuselkuchenessen mit dem Führer war schnell vergessen und auch den Ehrendolch der SA hat er sich erfolgreich vom Leib gehalten. So wurde Max Schmeling zu dem, was das Nachkriegsdeutschland brauchte: zu einer vitalen Dosis guter deutscher Vergangenheit. Max Schmeling: vom Führer berührt, aber nicht befleckt. So geht der Wanderpokal für den besten Deutschen auf ewig an Max . Er wird in der nächsten Zeit gleich mehrfach überreicht werden. Im Unterschied zum Ehrendolch kann Max Schmeling diesmal nicht nein sagen.

Der Autor ist Kabarettist und zur Zeit mit seinem Programm „Staatstheater“ auf Tournee.

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