Kultur : Der bestrafte Narziss

Georges-Arthur Goldschmidt revidiert seine Lebensgeschichte.

Nicole Henneberg

Ursprünglich wurde „Ein Wiederkommen“ auf Französisch geschrieben, doch bei dem Versuch, sie ins Deutsche zu übersetzen, schrieb Georges-Arthur Goldschmidt sie neu – in der Sprache des Landes, das seine Familie vernichtete. Um dieses Trauma kreist sein Werk. Im Alter von zehn Jahren musste er aus seinem jüdisch-assimilierten Elternhaus fliehen, seine Eltern wurden deportiert, er selbst überlebte in den französischen Alpen: zuerst in einem Internat, dann versteckt bei Bauern. So verlor er nicht nur Liebe und Geborgenheit, sondern auch die Sprache, und erlebte sich fortan im doppelten Sinn als „einen, den es nicht geben durfte“. Lebenslang bleibt er misstrauisch gegen die Sprache.

Zornig gräbt sich Goldschmidt immer wieder aufs Neue in seine Lebensgeschichte ein, aber erst über den Umweg der Exilsprache konnte er sich seiner Muttersprache erneut nähern – für den Schriftsteller ein Stück rettender „Selbstfeststellung“. Auch aus Sprachneugier wagt sich der gerade seiner Homosexualität bewusst werdende Arthur Kellerlicht, ein Alter Ego des Autors, unmittelbar nach dem Krieg in das hasserfüllte Deutschland zurück. Von seiner zweiten Flucht und von stolzer Beharrlichkeit erzählt diese Geschichte.

Kellerlicht ist ein verstörter Junge. Von der sadistischen Heimleiterin wurde er rituell gezüchtigt, von den Mitschülern gedemütigt und missbraucht. Wie schon in der stark autobiografischen Trilogie „Die Absonderung“, „Die Aussetzung“ und „Die Befreiung“ reißt Goldschmidt den Leser auch in der neuen Erzählung in jenen Strudel aus Angst, Schmerz und Auflehnung, dem sein Erzähler erst in jenem Moment entkommt, in dem er seine Lust entdeckt.

Schreiend wälzt er sich halb nackt vor den Augen der Mitschüler am Boden und erlebt unter den Schlägen die Einmaligkeit seiner Existenz: ihre Heiligkeit, wie er behauptet. Fortan erkennt er im Bild jedes gegeißelten Märtyrers einen Seelenverwandten, mit dem er das Geheimnis innerer Exaltation und intensivster Selbsterkenntnis teilt. Doch zugleich stürzt ihn die allnächtlich an sich selbst vollzogene Lust in einen Abgrund aus Scham und Schuld, der durch die jüdische „Geburtsschuld“ noch bedrohlicher wirkt.

Kein Schriftsteller hat so hart und klar über diese scheinbar ausweglose Selbstwahrnehmung eines „bestraften Narziss“ geschrieben. Keiner hat die Rettung durch Literatur so körperlich dargestellt. In jedem Satz spürt man die Liebe zu den Verwandlungskräften der Sprache, die Bilder anbietet und Geheimnisse in der Vielschichtigkeit der Worte offenbart.

In Jean-Jacques Rousseau findet der Aufbegehrende einen Verbündeten, der schonungslos über die eigene Sexualität Auskunft gibt. Es tröstet ihn zutiefst, dass er nach dem Krieg das Abitur in Paris ablegen und in der Rue Rousseau wohnen darf. Besonders anrührend sind seine scheuen Stadteroberungen, wenn er hungrig und ohne Geld stundenlang Speisekarten studiert oder die Statuen der Generäle mit ihren deutlich sichtbaren Geschlechtsteilen anstarrt. „Traumbücher“ hat Peter Handke die Erzählungen von Goldschmidt treffend genannt, die den Schrecken so kunstvoll in Staunen verwandeln.

Die nervösen Wolken scheinen Artur ins Internat zurückzerren zu wollen, die geliebten Landschaften Paul Cézannes wirken wie ausgehöhlt vom „Weltende“ mit seinem millionenfachen Morden, als hielte alles nur noch aus Gewohnheit zusammen. In jedem weißen Kleid sieht er die ermordete Mutter. Trotzdem folgt er der Einladung seiner Schwester nach Hamburg in sein Elternhaus, doch den Jungen verstört, dass die Täter sich als die eigentlichen Opfer fühlen und ihn verdächtigen, im Luxus zu schwelgen – doppelt tragisch für einen, der sich schuldig fühlt, überlebt zu haben und in der Kälte, die 1949 über Deutschland liegt, fast erfriert. Goldschmidt gelingt hier mit an Freud geschultem Blick eine meisterhafte Studie über Lüge und Verdrängung.

Es gibt keinen unschuldigen Satz in diesem Land, und je harmloser sich die Menschen geben, desto mehr Entsetzen und Hass verbergen sie. Arthurs Panik, sich mit seinen begehrlichen Blicken auf junge Männer zu verraten, steigt ins Unermessliche und macht ihn zuletzt so wütend, dass er sich wie ein Bruder von Münchhausen mit der „Selbsthaubitze“ aus diesem Morast schießen will: ein triumphaler Sieg des Lebens – und der Lust am Erzählen.

Georges-Arthur Goldschmidt:

Ein Wiederkommen. Erzählung. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012. 191 S., 18,99 €

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