Kultur : Der Bibelflüsterer

Ein Mönch namens Martin Luther hat vor 500 Jahren mit dem Protestantismus eine christliche Revolution begonnen. Nun kommt der Hollywood-Film „Luther“ ins Kino – und sogar Friedrich Schorlemmer kann ihm etwas abgewinnen

Kerstin Decker

Wie fanden Sie diesen Film? „Amerikanisch“, antwortet Friedrich Schorlemmer. Ein Wort wie eine Ohrfeige, wenn es doch um Luther geht und dessen Nachfolger in Wittenberg spricht.

Aber Schorlemmer ist schon weiter: „Also am Ende ganz ausgezeichnet. Wie dieser Film Tiefe gewinnt! Haben Sie Bruno Ganz gesehen als Staupitz? Das ist es doch: die Begegnung mit einem Menschen hat theologische Qualität. Luther trifft diesen Mann, gewinnt einen zweiten Vater, und sein ganzes Gottesbild wandelt sich. Bruno Ganz ist der Größte für mich in diesem Film. Denn das ist ja das Protestantische: Der Strick ist entzwei und wir sind frei.“

Ja, Friedrich Schorlemmer ist einverstanden. Damit haben wir nicht gerechnet. Schon weil sich kaum jemand, dem ein Mensch sehr nahe und wichtig ist (so wie Luther Schorlemmer nahe und wichtig ist), mit dessen konfektioniertem Bild versöhnen lässt, entworfen und berechnet für ein Massenpublikum. Bescheidenheit: Ist das nicht die protestantische Eigenschaft schlechthin? Sei vor allem nicht hochmütig, auch wenn du selber gerade ein Buch über Luther geschrieben hast. Schorlemmer hat gerade eins geschrieben.

Kritiker sind von Berufs wegen hochmütig (selbst wenn sie Liebende sind). Ein besonders hochmütiger Kritiker hat soeben in einer großen deutschen Zeitung herausgefunden, dass in Eric Tills Luther-Film der Reformator in Wirklichkeit ein katholischer Fundamentalist sei. Dabei werden Fundamentalisten doch nie wie Luther zum Anwalt des Individuums. Nein, wer den Film so abtut, macht es sich zu einfach. Trotz allen Marktkalküls – ein großer Teil des Budgets von 30 Millionen Euro stammt von amerikanischen Lutheranern –, im Wesentlichen hat Schorlemmer Recht: Der Geist stimmt. Diese Gottesleidenschaft. Das Freiwerden des Einzelnen zu eigenständigem Handeln. Also: die Erfindung des Gewissens. Das Ereignis, das die Reformation war, hat „Luther“ durchaus getroffen.

Es gibt ein böses Wort für Filme wie diesen: Bildungsfernsehen im Kino. Weil da keine Leerstellen sind, nichts, das auszusprechen allein der Logik der Bilder überlassen bliebe. Vielleicht auch, weil so viel Geschichte darin ist, dass alles zu einem Hürdenlauf wird, den der Held natürlich meistert. Aber Luther hätte eine Sache, die mit Bildung anfängt, nie verachtet. Und vor unserer Vergangenheitsvergessenheit wäre er erschrocken. Außerdem ist das hier größer als Fernsehen, das ist mindestens Bildungskino. Die Namen sprechen dafür: Peter Ustinov, Bruno Ganz, Alfred Molina, Mathieu Carrière, Jonathan Firth, Claire Cox – und Joseph Fiennes als Luther.

Die Besetzungsliste steht für das Motto des Films: Ganz sicher gehen! Mit einer Ausnahme vielleicht. Uwe Ochsenknecht ist der Papst. Man könnte das ein Wagnis nennen. Doch ist er nicht kongenial für einen Renaissancepapst? Renaissancepäpste hatten gemeinhin viele Eigenschaften, nur religiös waren sie nicht unbedingt. Und Leo X. verstand nun mal viel mehr von der Wildschweinjagd als von der Theologie. Ein Wildschweinjäger auf dem Heiligen Stuhl, sagt Schorlemmer, das ist zwar hart für unsere katholischen Mitchristen, aber es ist gut getroffen. Auch die eigentümlichen Kopfbedeckungen, die Ochsenknecht trägt und ihm überwältigende Ähnlichkeit mit Rotkäppchens bettlägeriger Großmutter verleihen, können niemals blanker Bosheit angelastet werden. Die amerikanischen Theologen haben in Sachen Authentizität eben alles sehr genau überwacht.

Die Renaissance mitsamt dem Papsttum lebte unter einer sehr säkular griechischen Sonne – und hatte die düstere Inbrunst des Glaubens im Grunde schon hinter sich, als Luther vom äußersten Rand der Zivilisation her Unruhe stiftete. Bedeutete das Mönchlein aus dem Norden nicht einen bedenklichen Rückschritt? Das ist zumindest die Erasmus-Goethe-Thomas-Mann-Doppelsicht auf den Reformator. Die dunkle, dämonische Seite des Tintenfasswerfers Luther, für den nichts sichtbarer, fühlbarer war als die Allgegenwart des Teufels, ist im Film nur angedeutet.

Aber was liegt näher, als den Dämon, den Luther auf Dachböden rumoren hörte, zum bösen Geist der eigenen Seele zu machen? Ohne seine Abgründigkeit wäre Luther niemals Luther geworden. Ohne sie wäre nicht entstanden, was man später die deutsche Innerlichkeit nennen würde. Joseph Fiennes macht in dem liebevoll und bewusst altmodisch inszenierten Zweistundenopus die unlöschbaren Seelenfeuer sichtbar, die ihn von innen her verbrennen. Dieser Luther weigert sich zu widerrufen, nicht weil er ein Held ist, sondern weil er keiner ist. Weil etwas in ihm ist, das stärker ist als er – beinahe gegen seinen Willen. Man sieht Fiennes an, wie furchtbar fehl sein Mönchlein fehl am Platze ist auf den großen Tribunalen der päpstlichen Macht.

Aber etwas stimmt trotzdem nicht. Dieser Fiennes ist zu schön, zu sanft, zu feinnervig für Luther. Luther war nicht schön. Erst aus dem Kontrast des äußerlich Derben, ja Ungeschlachten mit einer plötzlichen Zartheit und Beseeltheit des Denkens, der Sprache kommt das, was sein Bild (und das der Deutschen) prägte. Dass der „stiernackige Gottesbarbar“ (Thomas Mann) ebenso grob sein konnte, wie er aussah, wissen wir – zu Fiennes würde es nicht passen. Schorlemmer ist da in seinem Buch vergleichsweise ein Meister der Auflösung und Tiefenschärfung des gängigen Lutherbilds. Dass der Film-Luther eine ästhetische Luther-Fälschung ist, stört ihn nicht. Luther wurde zwar schnell dick, aber erst dann, wenn der Film aufhört. Also: wieder alles richtig.

Aber was ist denn das Richtige, über das die amerikanischen Theologen gewacht haben? Luther hat, entgegen allen Legenden, niemals „Hier stehe ichund kann nicht anders“ gesagt und sich auch nie mit einem Hammer an Wittenberger Kirchentüren vergangen. Das weiß zumindest Schorlemmer. Vielleicht haben die Theologen einfach zu gut gewacht, denkt man angesichts der Ausdrücklichkeit jeder Szene.

Oder Regisseur Eric Till wollte es so. Zuletzt hatte der Engländer „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ gedreht: Da ging es um das protestantische Gewissen, von einem Endpunkt her betrachtet. Jetzt suchte er den möglichst authentischen Anfang. Trotzdem sind ein paar frei erfundene Begebenheiten im Film enthalten: Luther trifft Friedrich den Weisen, um ihm seine Bibelübersetzung zu schenken, was er nie tat. Doch schon wegen Sir Peter Ustinovs Friedrich lohnt dieser „Luther“. Wahrscheinlich fand Ustinov bereits die Reliquiensammlung Friedrich des Weisen unwiderstehlich. Friedrich besaß die Wiege des Jesuskindes und unzählige Gebeine von Heiligen. Dass ausgerechnet so einer den Elementargeist Luther vor dem Scheiterhaufen-Schicksal eines Jan Hus und der Ketzer vor ihm bewahren würde! Vielleicht liegt die wahre Humanität zuletzt bei solchen Pragmatikern wie ihm. Wer Ustinov sieht, möchte das glauben.

Außerdem begräbt Luther einen Selbstmörder, denn die Rechtfertigungslehre brauchte ein Bild. In Wahrheit saß Luther „auff der cloaca auff dem thorm“ über den Apostel-Paulus- Briefen, als er begriff, dass Gott mehr ist als ein großer Strafender. Dass es einen gütigen Gott gibt – das ist die Schlüsselszene des Protestantismus. Nun mag das Kino geistige Erweckungserlebnisse beim Römerbrieflesen für grundsätzlich schwer verfilmbar halten. Dass es dennoch geht, bewies vor 20 Jahren der ungleich tiefere Luther-Mehrteiler des DDR-Fernsehens mit Ulrich Thein als Reformator.

Aber man kann ja auch diesen Luther-Film zum Mehrteiler machen. Erst das Kino, dann das Buch. Und die Luther-Bibel, die Schorlemmer und Ustinov für das eigentliche Ergebnis der Reformation halten, ist ohnehin nicht verfilmbar. Die Sprache als Erlebnis. Das schöne Sprach-Kapitel bei Schorlemmer (gegen die Bibel-Modernisierer) ist beunruhigend: Manchmal ist etwas bei seinem ersten Erscheinen schon vollkommen. So wie Luthers Deutsch, als es gerade zur Schriftsprache wurde.

Friedrich Schorlemmer, „Hier stehe ich. Martin Luther“, Aufbau Verlag Berlin, 173 Seiten, 19 €. – Der Film „Luther“ kommt am Donnerstag ins Kino: in Berlin im Broadway, Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Hellersdorf, Cinestar Sony Center (OV), International. Kant, Kosmos, Kulturbrauerei, Passage, Titania Palast und Zoo Palast .

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