Kultur : Der Biss des Bildhauers

Skulpturen für Minuten: Erwin Wurm in den Hamburger Deichtorhallen

Nicola Kuhn

Es ist der Sommer der Skulptur. Die Drahtzieher des Kunstmarktes haben diesen Trend schon lange ausgerufen, um der zunehmend flauer schwappenden Malereiwelle den nächsten Hype hinterherzujagen. Nachher weiß ohnehin keiner mehr, was als Erstes war: die sich selbst erfüllende Prophezeiung oder die reale Häufung von Bildhauerei in den Galerien und auf den Messen. Fest steht, dass auf der Documenta in Kassel und auf der Biennale in Venedig mehr Skulptur denn je zu sehen sein wird; die alle zehn Jahre sich wiederholende Großausstellung in Münster ist ohnehin für dieses Genre reserviert. Da passt es, dass die Hamburger Deichtorhallen ihre gegenwärtige Schau einem Künstler widmen, der den Begriff der Skulptur ad absurdum führt, die verbürgten Bestandteile wie Raum, Zeit, Konsistenz einfach ignoriert. Mit Erwin Wurm gestählt, ist der Besucher für die Mammutereignisse dieses Sommers gewappnet. Und er lernt, nicht alles ganz so ernst zu nehmen.

Oder wie ist es sonst zu verstehen, wenn sich der Filialleiter einer Bank mit Spargeln in den Nasenlöchern ablichten lässt? Und sich ein Benediktinermönch in seiner Kirche mit einem riesigen Apfel im Mund präsentiert, als hätte die Versuchung ihm das Maul gestopft? Die beiden Motive gehören zur Serie der „One Minute Sculptures“, die dem österreichischen Bildhauer in den letzten Jahren zu Ruhm verhalfen. Auf der letzten Frieze Art Fair in London gab es einen regelrechten Run auf den Stand seiner Galerie, als der Künstler dort mit der Sofortbildkamera das Publikum zu solchen Spontanperformances animierte: zu zweit in einen Pullover gequetscht oder mit dem Kopf unterm Rock einer Dame. Merkwürdigerweise umgibt jedoch all diese urkomischen Aufnahmen ein melancholischer Zug. Das Groteske lädt nicht zum befreiten Lachen ein, sondern evoziert eher Nachdenklichkeit.

Die Hamburger Retrospektive „Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes“ bekommt etwas von einer Geisterbahn des heilsamen Schreckens. Nichts bleibt, wie es ist, und gerade das schärft den Blick. Zum Beispiel die Mutation, die Jakob durchläuft. Auf dem ersten Bild ist er schlank, auf dem zweiten, das vermeintlich acht Jahre später entstand, trägt er die gleiche Hose, das gleiche Hemd und ist doch fett und aufgeschwemmt. Mittlerweile aber wissen wir, dass Wurm seine Darsteller merkwürdige Dinge machen lässt, sie etwa dazu bringt, ihre komplette Garderobe übereinander anzuziehen. Der Effekt ist phänomenal: Der eine Jakob wirkt dynamisch, zukunftsgewandt, der andere phlegmatisch, in sich gekehrt und ist doch ein und dieselbe Person nur mit ein paar Zentimetern mehr Stoff auf der Haut. Diese Erkenntnis mag nicht überraschend sein und ist für Wahrnehmungspsychologen eher ein alter Hut, und doch fragt Erwin Wurm auf eine neue Art, was die Umwelt, was ein bestimmtes Requisit mit dem Menschen macht.

Bitterböser Humor blitzt auf, wenn er seinen Probanden mit einer Herrenunterhose kreuz und quer um den Kopf gewickelt zeigt, so dass der Betrachter damit einen vermummten Islamisten assoziiert. Der Titel lautet hinterhältig „Be a Terrorist (Instructions on how to be politically incorrect“). Seine Alltagsbeobachtungen gewinnen sogar eine sozialkritische Dimension, wenn er ein Einfamilienhaus oder ein rotes Porsche-Cabrio zur schwabbeligen Skulptur aufpumpt. Die Statussymbole biederer Bürgerlichkeit oder getunter Männlichkeit verwandeln sich unversehens in die Repräsentanten ihrer Benutzer und strahlen die gleiche eitle Selbstgefälligkeit aus. Sie sind eine Attacke auf jeden Hausbesitzer und Sportwagenfahrer.

Wurm liebt die inhaltliche Jonglage mit dem realen Gegenstand: An der ersten Station seiner Retrospekive im Wiener Museum Moderner Kunst ließ er ein Einfamilienhaus von außen auf den Ausstellungsbau sausen, als wär’s ein Meteorit. In Hamburg nun holt er das Haus in die Deichtorhallen hinein, allerdings auf den Kopf gedreht. Titel: „Herr Krause kommt nach Hause nach der Sause“. Das wirkt eher albern, zeugt vor allem von Materialprotzerei und passt nicht so recht zum Bildhauer der feinen Bösartigkeit. Umso mehr seine Zeichnungsserie „Thinking about philosophers“, die ebenso ästhetisch wie perfide ist. Die Dargestellten sollten an Wittgenstein, Deleuze, Heidegger denken. Doch was heißt das schon? Die Namen haben eher die Funktion eines intellektuellen Labels, einer Marke im Diskurs, sie bleiben inhaltsleer. Und wieder hat Wurm seine Ausstellungsbesucher auf frischer Tat ertappt. Doch in diese Falle gehen wir gern.

Deichtorhallen, Hamburg, bis 2. 9., Katalog (Hatje Cantz) 38 €.

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