"Der Biss des Simplicissimus" : Möpse, die beißen, bellen nicht

Christian Schröder

Möpse und Bulldoggen darf man nicht verwechseln. Möpse sind Schoßhunde mit zerknautschten Gesichtern, die früher besonders gerne in französischen Königsbetten lagen und maximal ein Gewicht von 7 Kilo erreichen. Bulldoggen hingegen verfügen über stramme Muskeln und furchteinflößende Zähne und wiegen im Duchschnitt zwischen 23 und 25 Kilo. Thomas Theodor Heine liebte Möpse. Seinen ersten eigenen Mops nannte er "Meier", später besaß er ein ganzes Mopsgeschlecht. In die Geschichte eingegangen ist er aber mit einer Bulldogge. Sie steht breitbeinig im Weg und fletscht den Unterkiefer. Ein blutrotes Tier vor tiefschwarzem Hintergrund, das sich von seiner Kette losgerissen hat. Gleich wird es dem Betrachter an den Hals springen. Zum ersten Mal erschien die von Th. Th. Heine gezeichnete Bulldogge im Mai 1896 auf der Rückseite der damals neuen Zeitschrift "Simplicissimus". Die Bulldogge wurde das Markenzeichen des Münchener Satireblatts, ein Wappentier von anhaltender Berühmtheit, vergleichbar allenfalls mit dem Erdal-Rex-Frosch oder dem Hustinetten-Bär. Die Botschaft der Bulldogge war eindeutig: Das kaiserliche Deutschland ritt auf hohem Ross, und der "Simplicissimus" wollte der Wadenbeißer sein.

"Der Biss des Simplicissimus" heißt eine Th.-Th.-Heine-Ausstellung im Bröhan-Museum. Der Titel führt auf eine etwas falsche Fährte. Denn die aus dem Münchener Lenbachhaus übernommene Retrospektive zeigt mit rund dreihundert Exponaten nicht bloß den Satiriker, sondern den ganzen Heine in geradezu enzyklopädischer Ausführlichkeit: als Buchgestalter, Werbegraphiker, Schriftsteller, Maler, sogar Bildhauer. Als Satiriker hat Heine den Ereignissen seiner Zeit hinterhergezeichnet, als Künstler war er ihr oft voraus. Die Simplicissimus-Leute gehörten zu einer Avantgarde, die im Wilhelminismus wacker den Kampf gegen Standesdünkel und Spießbürgertum aufnahm und nach der Jahrhundertwende dann selber zunehmend verbürgerlichtete. Für die Berliner Künstlerbund-Ausstellung schuf Heine 1905 ein Plakat, auf dem ein Jugendstil-Mädchen Rosen aus einem Rinnstein pflückt. Eine Verbeugung vor jener "Rinnsteinkunst" der Secessions-Moderne, über die sich Kaiser Wilhelm II. mokiert hatte. Doch für die nachfolgende Avantgarde, den Expressionismus, hatte Heine selber auch nur Verachtung über.

Heine eckte früh an. 1867 als Fabrikantensohn in Leipzig geboren, fliegt er 1884 von der Schule. Sein Vergehen: Er hat Karikaturen von eleganten Jünglingen der Stadt veröffentlicht. Drei Jahre später wird er von der Düsseldorfer Kunstakademie verbannt, wegen "schuldhaften Verhaltens bei einer Streitigkeit mit zwei Mitschülern". Heine geht nach München, beendet an der dortigen Akademie sein Studium und zieht sich für einen Sommer nach Dachau zurück, um Bauernbilder und Landschaften zu malen. Weil ihm sein Vater den monatlichen Wechsel streicht, ist der Jungmaler gezwungen, sich mit Zeichnungen für die "Fliegenden Blätter" durchzuschlagen. 1895 lernt er den Verleger Albert Langen kennen, für den er über 150 Buchumschläge entwerfen wird. Als Langen 1896 den "Simplicissimus" aus der Taufe hebt, ist Heine mit an Bord.

Die Geschichte des "Simplicissimus" ist auch eine deutsche Justizgeschichte. 1898 bringt eine Nummer über den Palästina-Besuch Wilhelms II. das Fass zum Überlaufen. Paul Wedekind schreibt ein Spottgedicht, und Heine setzt die Geister von Barbarossa und Gottfried von Bouillon auf den Titel, die einen Tropenhelm gefunden haben, wie ihn Wilhelm bei seinem Einzug nach Jerusalem trug, Bildzeile: "Unsere Kreuzzüge haben ja auch keinen Zweck gehabt". Beide werden wegen "Majestätsbeleidigung" zu einem halben Jahr Festungshaft im sächsischen Königstein verurteilt. Zwischen 1901 und 1903 kommt es beim "Simplicissimus" zu elf Beanstandungen durch die Obrigkeit, jeder Skandal lässt die Auflage steigen. Und Heine verschärft seinen Spott: Als der "Deutsche Flottenverein" gegründet wird, zeichnet er Großadmiral Tirpitz, der einen Steuerzahler zersägt. Und als Wilhelm II. in die Diplomaten-Ausbildung eingreift, entwirft er eine Maschine zur "Gesandten-Erziehung": eiserne Ärsche, in die die Probanden hineinkriechen können. Der Erste Weltkrieg setzt dem vaterlandslosen Treiben ein Ende. Jetzt richtet sich der Witz des "Simplicissimus" gegen die Kriegsgegner, als Sonderdruck erscheint die "Kampfschrift" "Franzos und Russ in Spiritus". Kein Ruhmesblatt.

Die Entdeckung dieser Ausstellung ist der Maler Th. Th. Heine. In seinen frühen Gemälden sind die Vorbilder noch unübersehbar. Im "Wirtsgarten in Dachau" (1890) hockt ein strickendes Mädchen, das auch von Fritz von Uhde stammen könnte, sein "Angler" (1892) trägt einen Sommerhut wie von Liebermann. Doch dann findet Heine mit Bildern, die den eleganten Schwung des Jugendstils mit dem düsteren Pathos des Symbolismus auflädt, zum eigenen Stil. "Eine Exekution" (1892) zeigt einen Bräutigam, der von einer Frau mit Richtschwert über einen Weiher voller schwarzer Schwäne in den Kerker der Ehe geführt wird. Und für die Villa des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy schafft er einen Bilderzyklus (1916/17), auf dem spielzeughafte Puppen-Menschen durch einen surrealen Park spazieren. Am Halsband: ein Mops. Heine arbeitete bis 1933 für den Simplicissimus. Als Jude und Hitler-Gegner doppelt gefährdet, emigriert er über Prag und Oslo nach Stockholm. Dort stirbt er 1948 als hoch angesehener schwedischer Staatsbürger. Eine seiner letzten Karikaturen stammt von 1944 und trägt den Titel "Weihnachten in Nordnorwegen". Sie zeigt marodierende Wehrmachtssoldaten, die mit Tannenzweigen einen Bauernhof in Brand setzen.

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