Kultur : Der blaue Bengel

Amerikas alte Angst: Bryan Singers Kino-Seifenoper „Superman Returns“

Sebastian Handke

Braucht die Welt Superman? Lois Lane, Chefreporterin beim Daily Planet, ist nicht der Meinung. „Warum die Welt Superman nicht braucht“, schreibt sie, gewinnt den Pulitzer-Preis und meinte doch eigentlich: „Warum ich Superman nicht brauche.“ Der Mann in Blau nämlich hatte sich nach einer Liebesnacht wortlos für Jahre aus dem Staub gemacht. Jetzt ist er zurück, rettet Lois zweimal das Leben – da wird das Essay flugs umgeschrieben. Journalisten halt.

Aber braucht die Welt einen Superman-Film? Das Bedürfnis muss in der Tat groß gewesen sein, denn das zwölfjährige Ringen darum hat selbst titanische Dimensionen. Dabei kam heraus: Superman (Brandon Routh) kehrt nach fünf Jahren auf die Erde zurück. Lois Lane (Kate Bosworth) will einen anderen heiraten. Und Erzfeind Lex Luthor (Kevin Spacey) will einen neuen Kontinent schaffen, um Amerika zu fluten. Superman muss beides verhindern.

Unter den Helden-Comics ist Superman dem Mythos am nächsten: Seine Erzählungen entstehen aus variierender Wiederholung, oder, wie es im Expertenjargon heißt, „retroaktiver Kontinuität“. Dieser Held ist kein Sterblicher, dem unversehens Sonderbegabungen zufallen, er ist ein vom Himmel gefallener Gott, geboren auf dem fernen Planet Krypton. Die Maske trägt er nicht bei seinen Taten, sondern umgekehrt: wenn er versucht, als linkischer Zeitungsreporter Clark Kent ein Mensch zu sein. Superman taugte daher nie als bebilderte Pubertätsmetapher für Popfans, die selber gerade lernen, mit ihrem Körper zurechtzukommen. Und er taugt erst recht nicht dazu, den Mythos in einen Entwicklungsroman zu verwandeln wie so viele Comic-Adaptionen der letzten Jahre, Sam Raimi etwa mit Spiderman. Redlich, schön und unbesiegbar: Im Grunde ist Superman ein langweiliger Held. Wie will man daraus Funken schlagen?

Superman, Vater aller Superhelden, ist ein Produkt der großen Depression der dreißiger Jahre. Sein ungleicher Bruder: Batman, ähnlich alt, ähnlich ausgelutscht. Als ihn Christopher Nolan im letzten Jahr ins Leben zurückrief („Batman Begins“), stellte er die Instrumentalisierung der Angst in den Mittelpunkt, brachte sein Arbeitsmotto („Trage die Furcht in das Herz deines Feindes“) so nahe wie nur möglich an die Strategie des Terrors und die shock-and-awe-Politik der US-Regierung. Batmans Konzept: die Verbreitung von Unsicherheit. Superman ist das exakte Komplementärmodell: ein Messias, wie ihn der Kleinbürger sich erträumt – die omnipräsente und omnipotente Sicherheitsgarantie.

Gutes vom Schlechten zu trennen fällt ihm leicht. Das moralische Rüstzeug holt er sich dort, wo die US-Amerikaner das unverdorbene Gewissen auch heute noch vermuten: in der Provinz. Später erst exportiert er es fliegend nach Metropolis – als höflicher Titan, der mit den Behörden zusammenarbeitet. Einer, der nach fünf Jahren Abwesenheit an einem lauen Sommerabend sanft aus dem Himmel herabschwebt zu jener Frau, deren Bild er im Herzen trägt, und als Erstes zu ihr sagt: „Sie sollten nicht so viel rauchen, Mrs. Lane.“ Superman ist Biedermann. Und nicht nur das. Er ist, wie sich zeigen wird, auch noch ein Spanner.

In seinem Eifer allerdings kann der Gutmeinende auch übers Ziel hinaus- schießen. 1986 porträtierte der große Comic-Autor Frank Miller („Sin City“) in seinem Band „Der dunkle Ritter kehrt zurück“ Superman als pro-faschistischen Saubermann, dem der Kampf um Sicherheit über das Recht auf Freiheit geht – schließlich muss er vom Anarchisten Batman zur Strecke gebracht werden. „Superman Returns“ hätte sich davon inspirieren lassen und einen ähnlichen Weg einschlagen können wie Nolans „Batman Begins“: als krachende Pop-Allegorie auf einen ängstlichen Zeitgeist, der Wohl und Wehe seiner Bürger nur mehr im Rahmen der inneren Sicherheit verortet. Dass die Produzenten und Regisseur Bryan Singer („X-Men“) dieser naheliegenden – und zwischenzeitlich erwogenen – Versuchung widerstanden, mag daran liegen, dass man mit einer 210 Millionen Dollar teuren Produktion keine Experimente anstellt. Schon gar nicht, wenn es sich bei dem Stoff um ein Nationalheiligtum handelt: ein säkularer Schutzgott des american way of life. Sogar der verstorbene Superman-Darsteller Christopher Reeve wurde zum Heiligen gemacht – kein Wunder, dass danach niemand die Rolle mehr übernehmen mochte.

Von Beginn an spielt „Superman Returns“ mit diesem religiösen Unterbau und inszeniert seinen Helden wie einen auferstandenen Reeve. „Es fehlt ihnen das Licht, das den Weg weist“, sagt Vater Jor-El, als er den Sohn in einer Kapsel auf die Erde schickt. „Ich sende Dich, meinen einzigen Sohn.“ Und der Moment, als der Stählerne den neuen Kontinent mit bloßen Händen aus dem Meer hievt und ins All drückt – ein Akt der Selbstopferung, denn das Gestein enthält tödliches Kryptonit – wird begleitet von dissonantem Chor-Gebraus. Dann sinkt Kryptons letzter Sohn in die Pose des Gekreuzigten zurück, um geräuschlos auf die Erde zu stürzen wie ein verbrannter Engel. Ein Augenblick von so erhabenem Kitsch, dass er einen frösteln machen könnte. Bryan Singer aber erstickt ihn sogleich in einer Krankenhaus-Seifenoper.

Wenn man eine Bildgeschichte wie diese aufgreift und sie nicht in ein Drama verwandelt, sollte man wenigstens den Willen aufbringen, der Ikonographie des Kinos etwas hinzuzugeben. Paradoxerweise ist dies „Sin City“ am besten gelungen – einem Film, der sich nichts weiter vorgenommen hatte, als die Bilder der Vorlage in eine Folge in sich bewegter Filmstills zu überführen. „Superman Returns“ dagegen zitiert nur Zutaten der Superman-Filme von 1978 und 1980, an die er auch chronologisch anschließt. Jor-El hat man gar nicht erst neu besetzt: Er flimmert als digitalisiertes Schattenbild Marlon Brandos durch die Szenerie.

„Superman“ I und II aber sind ein Vierteljahrhundert alt. Welt und Moral haben sich seitdem verunstetigt, die Universen der Superhelden sind ihnen darin längst gefolgt. So ist Singers Film weniger eine „retroaktive“ Rückkehr zum Mythos als bloße Wiederholung. Eine pompöse Jesus-Parodie und eine mutlose Fanboy-Hommage zugleich, deren epische Dimension mit der schlichten Substanz ihrer Handlung kontrastiert: ein Mann, der aussieht wie Christopher Reeve, trägt Gegenstände unterschiedlicher Größe und Masse von hier nach dort. Aber braucht die Welt wirklich einen Christopher-Reeve-Gedächtnis-Film?

Ab morgen in 21 Berliner Kinos; OV im Cinestar SonyCenter.

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