Kultur : Der Blaue Reiter reitet blauer weiter

Gruß aus dem Garten Eden: Chris Ofili in der Galerie Contemporary Fine Arts

Daniel Völzke

Ewige Nacht ist es geworden im Paradies: Blau in dunkelsten Schattierungen, etwas Silber, Grau und Schwarz. Auf den neuen Bildern des afro-britischen Malerstars Chris Ofili herrscht ein Blau von einer Tiefe, die jegliche inhaltliche Festlegung vorübergehend aufsaugt. Das Thema dieser Bilder: die Farbe Blau. Meist lösen sich erst beim zweiten Blick wundersame Motive vom Hintergrund.

Nicht nur die romantische Farbe, auch die übermächtige kunsthistorische Referenz scheint die Gouachen, Pastelle, Ölbilder, Kohle- und Tintenzeichnungen (20 000 – 120 000 Euro) zu verschlingen – nennt Ofili seine Ausstellung doch „The Blue Rider“. Wassily Kandinsky und Franz Marc suchten 1912 als lose Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ die Verbindung von zeitgenössischer Kunst, Gotik und den Primitiven, mit Afrika und dem großen Orient. Und erstaunlicherweise gelingt es dem Turner-Preisträger Ofili fast ein Jahrhundert später aus seinen Arbeiten die gleiche frische und wilde Unschuld, die gleiche naive Lust leuchten zu lassen. Beinahe glaubt man, ein Marc’sches Pferd über das Papier traben zu sehen.

In den blau gerahmten Bildern des 1968 geborenen Künstlers erheben sich Pyramiden am Horizont, spielen umkränzte Bacchantinnen mit Weintrauben, rankt ornamentales Blattwerk im Jugendstil. Der Garten Eden ist auch offenes Meer, in dem in minoischer Heiterkeit Delfine springen und Poseidon aus dem Wasser steigt. Es weht schwül wie in einem Dschungel Henri Rousseaus, in dem Rastafaris und somnambule Frauen die Schlange beschwören. Blatt-Aluminium und Silberspray glänzen und glitzern in der samtenen Dunkelheit.

Die Kombination aus solchen Motiven und Material birgt gewaltige Kitschgefahr – und tatsächlich bewegen sich einige Bilder an der Grenze zu esoterischer Versponnenheit. Doch Ofili gelingt es immer wieder, die bekannte Bildsprache in neue Zusammenhänge zu stellen. Der Katalog, dessen Cover dem „Blaue-Reiter“-Almanach nachempfunden ist, zitiert Blues-Songs und man meint den Sound dieser afro-amerikanischen Lieder aus den Bildern scheppern zu hören. Auch darin folgt der Brite seinen Vorbildern: Schon Kandinsky und Marc verbanden ihre Malerei mit Musik.

Erstmalig präsentiert Ofili auch größere Plastiken (25 000 – 250 000 Euro). Sensationell sind zwei lebensgroß in Bronze und Nickelsilber gegossene Peinlichkeiten: eine Frau („Silver Moon“) und ein Mann („Blue Moon“), die hockend ihre Notdurft verrichten. Schlangenartig spiegelt sich ihr Kot in ihren blank polierten Hintern. 1999 provozierte Ofilis mit Elefanten-Dung beschmierte Madonna in der New Yorker „Sensation“-Ausstellung einen Skandal. In Berlin nun hat der Künstler kulturgeschichtliche Rückendeckung – soll es sich doch um traditionelle katalanische Krippenfiguren handeln, die so genannten Caganer, „Scheißer“. Sie weisen mit ihrem Geschäft auf die irdische Verwurzeltheit des Menschen auch im Angesicht des größten himmlischen Geschehens hin. In dieser Ausstellung sind die Caganer, die Ofili mit einem Afro krönt, richtig am Platz: Sie erden die blauen Wunder der Bilder.

Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21, bis 23. Dezember; Dienstag bis Freitag 10 – 13 Uhr und 14 – 18 Uhr, Sonnabend 11 – 17 Uhr.

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