Kultur : Der Bleistift leistet Vorarbeit

TANJA LANGER

Hinter dem Spittelmarkt in Mitte liegt das alte Kontor, in dem der S.Fischer Verlag seine Berliner Dependance hat.Von Zeit zu Zeit werden einige Gäste geladen, um zwischen den Bücherreihen eine Autorin, einen Dichter kennenzulernen.Mucksmäuschenstill wird es sofort, als Reiner Kunze, ein schmaler, zarter Mann, stehend sein erstes Gedicht vorträgt: "Wir schlafen," so hebt er an, "die wange am fluß, / an der unbeirrbarkeit des wassers / Doch immer öfter liegen wir wach, /um halt zu finden an der stille."

Kunze, Jahrgang 1933, mußte die DDR 1976 verlassen.Nach der Wende war es vor allem reflektierende Prosa, mit der er die Veränderungen begleitete.Als der Osten sich öffnete, so erzählt er, konnte er sich der Bitte, Lesungen zu halten, nicht verweigern: Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kirgistan, Kasachstan.Besonders die Veröffentlichung seiner Stasiakte "Deckname Lyrik" sei dort eine Sensation gewesen, die viele Fragen hervorrief.Keine Zeit für Lyrik sei da gewesen; nur Einfälle habe er notiert, bis er sie in den letzten beiden Jahren bearbeitet habe: "ich wälze ein Bild wieder und wieder, bis ich meine, daß es steht." Das Ergebnis ist der Band "ein tag auf dieser erde", und die Gedichte, die Kunze mit einer wohlartikulierenden Stimme ausdrucksvoll und einfach zugleich vorträgt.Sie zeugen von einem, der in den Unruhen, die er verzeichnet, auf der Genauigkeit der Sprache insistiert.Fein, aber fern: so vermißt er den Abstand zu allem Bedrängenden in wenigen Zeilen.Von der Mauer heißt es: "Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht, / wie hoch sie ist / in uns."

Innerhalb kürzester Zeit vermittelt Kunze, der den Blickkontakt mit seinen Zuhörern immer wieder aufnimmt, welchen Reichtum eine knappe konzentrierte Sprache birgt.Ebenso bedachtsam, doch um vieles fröhlicher ist Kunzes Wortwitz, das Spiel mit Lauten in seinen Kindergedichten, die er auf Bitten des Publikums vorliest: "Wohin der Schlaf sich schlafen legt" (1991).

Und was er selbst liest? Hunderte von Manuskripten, die man ihm zur Durchsicht schickt, Bücher von Kollegen und nachts - ganz für sich - Paul Valéry, Simone Weil und Christine Lavant, die er gerade erst entdeckt hat.Er nennt Schriftsteller aus Polen, Ryzard Kryni, Ryszara Krynicki und andere, die er schätzt, weil sie sich gegen den Trend stellen, alles noch einmal nachzuholen, was man im Westen in den fünfziger, sechziger Jahren gemacht habe: "nur schlechter".

Als Kunze seine Mappe mit den Gedichten in einer schwarzen Aktentasche verschwinden läßt, beginnen die Gespräche, bei Käse und Rotwein, zwischen Buchreihen - mit einem Dichter, der seine Gedichte viele Male mit dem Bleistift schreibt, bevor er seinen Füller zur Hand nimmt.

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