Kultur : Der Blick des Adlers

HARALD MARTENSTEIN

Es gibt schöne Kriegsfilme.Wirklich.Die schönen Kriegsfilme sind keineswegs unmoralischer als die anderen, die sich auf das häßliche Gesicht des Krieges konzentrieren, wie in letzter Zeit "Saving Private Ryan"" oder "Der schmale Grat".Die schönen Kriegsfilme handeln von der irrationalen Anziehungskraft, die dieses Todesspiel zu allen Zeiten besessen hat und ohne die es wahrscheinlich keine Kriege mehr gäbe.

Den schönsten Kriegsfilm hat der amerikanische Regisseur Francis Ford Coppola gemacht, er heißt "Apocalypse Now" und spielt in Vietnam.Einer der Höhepunkte von "Apocalypse Now""ist ein Luftballett.Ein Schwarm von Hubschraubern, der vor roter Sonne in der flirrenden Tropenluft zu tanzen scheint wie ein vom Blut besoffener Mückenschwarm.Dann stürmen sie los.Hubschrauber, wie demnächst im Kosovo.Wilde, verwegene Jagd.Eine Kavallerieattacke von oben.Der Offizier trägt einen Cowboyhut.Wenn man es erzählt, klingt es platter und kitschiger, als es im Kino wirkt.Filme schaffen sich ihre eigene Wahrheit und ihre eigene Logik, wie die Kriege.

Der Luftkrieg, der sich so schön inszenieren läßt, ist ein amerikanischer Mythos.Und der Pilot ist der Nachfolger des Kavalleristen.Am besten hat ihn Tom Cruise in "Top Gun" gespielt, einem Film, der jetzt dringend im Fernsehen gesendet werden müßte, zum besseren Verständnis der aktuellen politischen Lage.

Die USA und ihre Verbündeten sind in diesem Jahrhundert wieder und immer wieder mit dem Versuch gescheitert, einen Krieg aus der Luft zu entscheiden.Es sieht gut aus, aber es klappt nicht, trotzdem versuchen sie es immer wieder.Sie stehen unter Wiederholungszwang.So stark ist der Mythos.

Im Zweiten Weltkrieg glaubten die Amerikaner, sie könnten aus der Luft die deutsche Kriegsindustrie zerstören und die Moral der deutschen Zivilbevölkerung brechen.Statt dessen wurden die "Terrorangriffe"" der Alliierten ein überaus erfolgreiches Durchhalteargument der Nazipropaganda, und Hitlers Rüstungsminister Speer verlegte die Produktion in unterirdische oder getarnte Fabriken.1944, im Jahr des totalen Luftkrieges, produzierte Deutschland mehr Panzer und mehr Geschütze als jemals zuvor.Die USA hatten mit ihrem Luftkrieg das Gegenteil von dem erreicht, was sie beabsichtigten.Und Stalin, der es besser wußte, mußte seine Verbündeten lange drängen, bis sie endlich eine zweite Landfront eröffneten.Nicht der Luftkrieg ließ das Dritte Reich zusammenbrechen, sondern die Invasion in der Normandie.

In Vietnam glaubten die USA ein zweites Mal an den Luftkrieg.Sie warfen über Vietnam mehr Bomben ab als im Zweiten Weltkrieg über Deutschland.Es nützte nichts.Dann hieß es, ein kleines, begrenztes Kontingent von Bodentruppen könne den Krieg entscheiden.Es waren die gleichen Worte wie heute, die gleichen Sätze.Am Ende befanden sich in Vietnam eine halbe Million Soldaten der USA und ihrer Verbündeten.Zu wenige, um zu gewinnen.

Vietnam ist eine Erfahrung, die sich nach dem Willen der meisten Amerikaner niemals wiederholen sollte.Ein verlorener Krieg, in den das Land hineinschlitterte, weil es nur an den nächsten Schritt der Kriegslogik dachte, und nicht an den übernächsten und den überübernächsten.

Aber der Mythos Luftkrieg ist offenbar stärker.Im Irak wiederholte sich die Erfahrung, daß sich aus der Luft ein Krieg nur beginnen, aber nicht gewinnen läßt.Auch der Irak-Krieg wurde entgegen der ursprünglichen Planung zum Landkrieg, auch er endete ohne einen entscheidenden Sieg.Wie in Vietnam, so setzten die USA und ihre Alliierten auch im Irak nur einen Teil ihrer militärischen Kraft ein.Sie verzichteten, wie in Vietnam, auf den militärisch möglichen Sieg, um keinen Weltkrieg zu riskieren.Aber wieviele Niederlagen, wieviele unterbliebene Siege hält das amerikanische Selbstbewußtsein noch aus? Das ist das Gefährlichste am amerikanischen Glauben an den Luftkrieg.

Der Kampfpilot ist ein Einzelkämpfer.In der Figur des Piloten, die unzählige Hollywoodfilme der Jahrzehnte verklärt haben, spiegelt sich der amerikanische Individualismus.Der Himmel ist seine Prärie, auf der er sich schnell und frei zu bewegen versteht.Seine Geschwindigkeit ist seine gefährlichste Waffe.Der Pilot vermittelt die Illusion, daß der Krieg, wie früher, mit dem Kampf Mann gegen Mann zu tun hat.Der Infanterist dagegen rückt im Verband vor, langsam, als Einzelner ist er, was seinen militärischen Wert betrifft, eine zu vernachlässigende Größe.Die ameisenhafte Existenz des Infanteristen widerspricht dem hohen Wert, den der Einzelne im Bewußtsein eines durchschnittlichen Amerikaners hat.



Und nur der Bodenkämpfer macht mit der schmutzigen Seite des Krieges unmittelbare Bekanntschaft.Nur er sieht dem Tod ins Gesicht.Nur er sieht Blut.Die meisten großen Antikriegsfilme spielen auf dem Boden, bis heute, bis "Saving Private Ryan" oder "Der schmale Grat".Aus dem Luftkrieg läßt sich leicht ein Heldenepos, aber nur schwer ein Antikriegsfilm machen."Apocalypse Now" verlegt seine heroischen, euphorischen Szenen in die Luft, gestorben wird auf dem Boden.In den Vietnam-Filmen sind es die Hubschrauber, in denen die toten oder verwundeten GIs abtransportiert werden.Haben die Verwundeten den Hubschrauber erreicht, befinden sie sich in Sicherheit.An der metallenen Haut des Hubschraubers beginnt schon die Heimat und endet der Krieg.

Zu den Ausnahmen gehört "Schlachthof 5", ein Roman von Kurt Vonnegut, den George Roy Hill 1971 verfilmt hat.In "Schlachthof 5"" geht es um die Bombardierung Dresdens.Das Problem aller Luftkriegsfilme besteht darin, die Distanz zwischen den beiden Kriegsparteien zu überwinden.Wie bekommt man beide, den Angreifer und den Angegriffenen, auf ein gemeinsames Bild? Wie stiftet man eine Geschichte, in der sie beide vorkommen? Bei "Schlachthof 5"" wird das Problem durch die Figur eines amerikanischen Kriegsgefangenen gelöst, den den Angriff in Dresden miterlebt.

Was den Luftkrieg für die Regisseure so schwierig macht, macht ihn so attraktiv für Politiker und Militärs.Die Distanz.Die scheinbare Körperlosigkeit.Alles ist weit weg.Der Luftkrieg ist so modern wie das Seniorenheim, in das man die sterbenden Eltern steckt, oder wie Cybersex im Internet.Und vielleicht ist der Mythos des Luftkrieges ja das Letzte, was vom Glauben an die Allmacht der Technik und unbegrenzte Kraft des Fortschritts übriggeblieben ist: die Idee, mit der Präzision eines Chirurgen Krieg führen zu können.Wer seine Raketen ein paar Meter von einer Geburtsklinik entfernt detonieren läßt und kein Verbrecher ist, der glaubt mit grenzenloser Naivität an die Unfehlbarkeit der Maschinen.Dem Luftkrieg steht sein Tschernobyl erst noch bevor.

Es funktioniert nicht.Es hat nie funktioniert.Aber die Idee des Luftkrieges ist so attraktiv, daß die USA ihr immer wieder verfallen.Der saubere, begrenzbare, technisch beherrschbare Krieg, dessen Subjekt ein autonomes, hochspezialisiertes Individuum ist: der Pilot.Am Ende läuft es jedesmal darauf hinaus, daß der Krieg sich den Boden erobert.Dann wird es plötzlich schmutzig, wie in "Apocalypse Now", und es ist Schluß mit der Autonomie des Individuums.Dann sterben, ganz altmodisch, die Zivilisten und die Infanteristen, die Schuldigen und die Unschuldigen, Kinder, Alte, Soldaten, nach dem Zufallsprinzip.Das ist Krieg.

Nein.Ein einziges Mal hat es funktioniert.Einmal ist aus der Luft ein Krieg entschieden und rasch beendet worden.Das war, als die Amerikaner ihre Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki warfen.

Und einmal haben die Amerikaner sich demonstrativ anders entschieden.Während des Korea-Krieges wurde die von den USA geführte Armee der Vereinten Nationen von starken chinesischen Truppen angegriffen.Amerikaner und Chinesen standen sich in offener Feldschlacht gegenüber, und der Weltkrieg schien nahe.General MacArthur, der Oberkommandierende, verlangte, China zu bombardieren.Anders könne die Schlacht nicht gewonnen werden.Präsident Truman feuerte MacArthur, und gewann.

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