Kultur : Der Blick ist geradeaus gerichtet

TILMAN KRAUSE

Was einmal konservativ war - dem Literaturkritiker Günter Blöcker zum 85.GeburtstagVON TILMAN KRAUSEDer Schriftsteller Friedrich Christian Delius, inzwischen ein formstrenger Novellist um die 50, veröffentlichte in den achtziger Jahren eine Streitschrift des Titels "Konservativ in dreißig Tagen.Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze".Konservativ in dreißig Tagen - das waren noch Zeiten! Wahrscheinlich waren sie auch schon abgelaufen, als Delius zu seiner noch spitzen Feder griff.Aber obwohl es sich heute keiner mehr vorstellen kann: Es gab bis weit in die sechziger Jahren hinein eine gewichtige konservative Publizistik in diesem Lande, und es gab einflußreiche, angesehene konservative Literaturkritiker.Der gebürtige Hannoveraner Günter Blöcker, der, ursprünglich Dramaturg, nach 1945 zunächst zwanzig Jahre lang die Literaturkritik des Tagesspiegels prägte und von 1957 bis zu seinem Rückzug aus der literaturkritischen Arena 1983 auch in der FAZ seine großen Auftritte hatte, war einer von ihnen.Heute wird er 85.Aber was heißt da "konservativ"? War Blöcker konservativ, weil er nicht müde wurde, neue Literatur streng zu messen an den "Maßstäben, die gesetzt waren", wie einer seiner Bewunderer es ausdrückte, also an der klassischen Moderne eines Joyce, Proust, T.S.Eliot oder Paul Valéry? War es konservativ, wenn er in seiner Porträtsammlung "Die neuen Wirklichkeiten.Linien und Profile der modernen Literatur", einem seit dem ersten Erscheinen 1957 in vielen Neuauflagen kursierenden Grundbuch der Epoche, den Nachkriegsdeutschen vor allem die wichtigen Figuren der angelsächsischen Literatur nahebrachte, von denen er übrigens einige, vorwiegend Dramatiker, auch übersetzt hat?Das taten andere genauso.Konservativ oder, im Verständnis der Gegner, "rückwärtsgewandt", "reaktionär", wurde Blöcker, weil er in der Gründungsphase der Bundesrepublik, als über die intellektuelle Hegemonie im Lande noch gestritten wurde, zweierlei tat: Er lehnte die Gruppe 47 im allgemeinen und Heinrich Böll im speziellen ab.Blöcker war eingeschworen auf die Idee vom geistigen Menschen als "großem Einzelnen".Seine Vorbilder hießen Benn und Kleist, dem er 1960 eine vielgelesene Monographie widmete, wobei er Kleist, existentialistisch aufgefaßt, als "voraussetzungslosen Menschen" und "absolutes Ich" präsentierte.Er selbst begriff sich als emphatisch Unabhängigen, der nie einer Redaktion beitrat.So jemandem mußte das Kollektive an der Gruppe 47 widerstreben.Und an Heinrich Böll mißfiel ihm dessen Konsensfähigkeit: "Ein Talent, das so genau auf der Linie des allgemeinen, des risikolosen Geschmacks liegt, das sich mit so fataler Sicherheit auf der Bahn einer mittleren Erwartung bewegt, bedarf der Bezweiflung mehr als der Ermutigung - auch um seinetwillen", schrieb er 1966 in der Essaysammlung "Literatur als Teilhabe".Dennoch genoß Blöcker auch bei seinen Gegnern Respekt - mehr als der konservative Übervater jener Jahre, der brillant-suspekte Friedrich Sieburg, der sich durch seinen aus der Weimarer Zeit übernommenen "Persönlichkeitsjournalismus" angreifbar machte.Das tat Blöcker nie.Er war, auch darin konservativ in einem heute nahezu nicht mehr vorhandenen Sinne, zurückhaltend bis zur persönlichen Unkenntlichkeit.Er war diskret."Der Blick ist geradeaus gerichtet, auf das Kunstwerk.Er schielt weder nach dem Künstler noch nach dem Leser", heißt es in einer von Blöckers programmatischen Auskünften zu seinem Verständnis von Literaturkritik aus dem Jahre 1959.Ein größerer Kontrast zum heutigen Entertainer-Kritiker ist kaum denkbar.Der hat den Betrieb zweifellos befruchtet, bereichert.Aber durch das Fehlen von Blöckers Stimme ist dieser Betrieb auch ärmer geworden.

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