Kultur : Der Blick nach Westen

Jürgen Tietz

Gleich hinter dem Eingang stoßen die Besucher der Galerie Aedes East auf eine gelbliche Erdmauer und eine große Holzform. Die archaisch anmutende Installation verweist auf die Wurzeln der chinesischen Architektur, auf "Tu Mu", auf Erde und Holz.

So lautet die traditionelle chinesische Bezeichnung für Baukunst - und gleichzeitig der Titel der aktuelle Ausstellung bei Aedes, die Arbeiten junger chinesischer Architekten präsentiert. Dabei wirken die von Eduard Kögel und Ulf Meyer ausgewählten Projekte weit weniger ursprünglich, als der Ausstellungstitel vermuten lässt. Wichtiger als die Suche nach den Wurzeln der nationalen Baukunst scheint für die jungen Chinesen die Orientierung an den unterschiedlichen Strömungen der westlichen Gegenwartsarchitektur zu sein. Einige ihrer Bauten könnten gleich neben den Hackeschen Höfen stehen, als Bespiele für das neue, steinerne Berlin: etwa das Studentenwohnheim von Zhang Lei in Nantong, das mit seiner strengen Ziegelfassade an Arbeiten von Aldo Rossi oder Hans Kollhoff erinnert.

Dagegen zeugt das Jugendzentrum in Yangcheng, das Zhu Jingxiang entworfen hat, vom Einfluss der klassischen weißen Moderne. Ein in Hanglage errichtetes Konferenzzentrum in Qingdao - vom Atelier Feichang Jianzhu aus Peking - inszeniert gekonnt den Blick über das Meer. Ganz ähnliche Raumkompositionen wären auch in einer südeuropäischen Hafenstadt denkbar. Die Rückbezüge zur chinesischen Bautradition fallen dagegen eher bescheiden aus oder verstecken sich hinter abstrakten Überformungen. So bei Liu Jiakun, der sein kubisches Haus in Chengdu um einen offenen Patio angelegt hat. Laut Ausstellungskatalog kann der Hof auch als Zitat des "Himmelsbrunnens" der traditionellen Bautypologie der Region verstanden werden.

Ein Blick auf die Biografien der chinesischen Architekten hilft, um deren westliche Orientierung zu verstehen. Die meisten von ihnen haben zumindest einige Jahre an einer der großen amerikanischen oder europäischen Universitäten studiert. Doch trotz der ausgezeichneten Ausbildung ist ihre Rolle in China nicht unproblematisch. Während bei uns selbstständige Architekten das Baugeschehen beherrschen, gibt es sie in China erst wieder seit dem Ende der neunziger Jahre. Den architektonischen Normalfall stellen im Reich der Mitte die großen staatlichen Institutionen dar, die mit ihren angestellten Architekten und Ingenieuren die Großaufträge abwickeln. Doch die Entwicklung des Architektenberufes macht Fortschritte: So ist es Chang Jung Ho vom Atelier Feichang Jianzhu gelungen, eine neue Architekturabteilung an der Universität in Peking zu etablieren. Das aktuelle westliche Interesse an ihren Arbeiten bedeutet für die chinesischen Architekten daher eine wichtige Stärkung ihrer Position im eigenen Land.

Damit die Aedes Ausstellung keine Einbahnstraße bleibt, sollen künftig auch in Peking aktuelle Architekturausstellungen gezeigt werden - etwa mit Arbeiten junger deutscher Architekten, wie Hans-Jürgen Commerell von Aedes berichtet. Doch ein solcher Austausch ist kostenintensiv. Zwar gelten die beiden Berliner Aedes Galerien längst als internationale Aushängeschilder für die deutsche Architekturlandschaft. Doch bei ihrer anspruchsvollen Arbeit werden sie nur bei ausgewählten Projekten mit öffentlichen Mitteln unterstützt - wie im vorliegenden Fall der China-Ausstellung. Damit aber der gerade erst in Gang gesetzte Dialog nicht gleich wieder ins Stocken gerät, sondern sich zu einem dauerhaften Austausch entwickeln kann, muss er auf ein solides Fundament gestellt werden. Aedes könnte eine derartige Zusammenarbeit von deutscher Seite aus zwar fachlich begleiten, mit ihrer Finanzierung wäre die Galerie aber hoffnungslos überfordert.

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