Kultur : Der blinde Seher

Er war ein Prediger ohne Gott und erfand den Soul. Zum Tod von Ray Charles

Bodo Mrozek

Es war irgendwo im mittleren Westen der USA in einer jener Dance Halles, die mit einem bunten Plakat an der Eingangstür und einer Band neben der Tanzfläche die Jugend umwarben. „The Ray Charles-Trio“ steht an diesem Abend des Jahres 1958 auf dem Plakat. Der 28 Jahre alte Musiker tingelt seit einigen Jahren durch die Clubs, und hat die schmutzigen Gaderoben und miesen Gagen gründlich satt. Dieser Tanzabend soll einer seiner letzten sein, er will Jazz spielen.

Nach vier Stunden hat er sein gesamtes Repertoire abgeleiert. „Hört mal, Jungs, ich werde jetzt ein bisschen herumalbern. Folgt mir einfach!“, sagt er zu seiner Band. Ein kleiner Riff geht ihm durch den Kopf, er spielt ihn auf der Gitarre. Einer spontanen Laune folgend streut er einen Latino-Rhythmus ein, eins greift ins andere, und bei einem plötzlichen Break ruft er ein paar belanglose Zeilen aus: „See the girl with the diamond ring / she knows how to shake that thing!“ Auf der schon leeren Tanzfläche bricht plötzlich die Hölle los. Junge schwarze Mädchen treten an die Bühne, und bitten ihn, seinen Gesang zu wiederholen. Ray Charles tut es. „That’s what I say!“, ruft er ihnen zu.

Ray Charles Robinson kam am 23. September 1930 in Albany, Georgia, in einem Schuppen zur Welt. Von seinem Vater weiß er später nicht mehr zu berichten, als dass er ein „großer Kerl“ war, der Schwellenbolzen für die Eisenbahn schleppte. Seine Mutter walzt Tabakblätter und entstielt Bohnen auf den Plantagen weißer Großgrundbesitzer. „Unter uns kam nur noch der Boden“, erklärt Charles später die soziale Stufe seiner Kindheit. Sein erstes Paar Schuhe erhält er als Halbwüchsiger, seine erste Schallplatte nimmt er mit 19 Jahren auf.

Die Geschichte des Aufstiegs von Ray Charles ist die eines amerikanischen Traums. Ray Charles war nicht nur arm. Seit seinem siebten Lebensjahr war er auch blind. Dennoch wird er einer der wichtigsten schwarzen Musiker des 20. Jahrhunderts. Damals, bei jener Jam-Session in dem Tanzschuppen, hatte er bereits 17 Singles und eine erste LP aufgenommen. Als Charles’ letzte Akkorde verklungen sind, bestürmt ihn das Publikum: „Wo gibt es die Platte?“ „Gibt keine Platte“, antwortet Charles noch außer Atem. „Habe das einfach gespielt, um die Zeit totzuschlagen.“ Das kleine, sinnlose Liedchen sollte sein Durchbruch werden. „What’d I Say“, 1959 als Platte veröffentlicht und anfangs von weißen Radiostationen boykottiert, wird ein Welthit.

Der Erfolg von Ray Charles ging Hand in Hand mit der Emanzipation der afroamerikanischen Musik. Ende der Fünfziger hatte eine neue Generation junger schwarzer Musiker die Gospelchöre verlassen und war in die Clubs gezogen. Sänger wie Jamesetta Hawkins, besser bekannt als Etta James, Gladys Knight oder Robert Parker behielten charakteristische Elemente des Gospel bei: den Call-and-response zwischen Priester und Gemeinde etwa oder das lamentohafte Wiederholen von Liedzeilen. Nur dass die Backgroundchöre statt „Lobet den Herren“ nun weltliche Botschaften beschworen. „Hallelujah I love her so“, heißt eine Single, die Charles 1956 aufnahm – zum Ärger der schwarzen Kirchen, die ihm Blasphemie vorwarfen. Den ländlichen Blues, der die Schönheit der Baumwollfelder in Missisippi oder Georgia besang, ließ diese neue Musik ebenso hinter sich wie die traditionellen Spirituals. Sie handelte von den Sorgen und Nöten der Jugendlichen, die nun in den großen Motorstädten arbeiteten. Das Stampfen der Maschinen spiegelte sich in ihren nervösen Rhythmen ebenso wieder wie die Feierabendvergnügungen und die lockere Sexualmoral der Großstadtjugend. Man nannte sie Rhythm&Blues. Diese Platten, Vorläufer des späteren Hip-Hop, hatten Schwarze für Schwarze gemacht und auf eigenen Labels veröffentlicht.

In Chicago verkauften die Brüder Leonard und Phil Chess ihre Singles aus dem Kofferraum heraus, in Memphis entstand die Musikfirma Stax und in Detroit gründeten Schwarze ein Label namens Motown. Ray Charles erschien seit 1953 in Los Angeles auf Atlantic, einem der größten R&B-Label. Diese Karriere verdankte er seiner Mutter, die ihn zur Selbstständigkeit erzogen und vor ihrem frühen Tod auf die staatliche Blindenschule St. August in Florida geschickt hatte. Dort lernt „RC“ die Instrumente, die er schon als kleiner Junge im Red Wing Café von Greenville bewundert hatte: Klavier, Klarinette, Orgel, Saxophon. Die wichtigste Begabung neben dem Songschreiben war seine Kunst zu arrangieren.

Die Anekdote über die Entstehung seines Hits „What’d I Say“ bringt Charles’ eigentliches Talent auf den Punkt. Wie kaum ein anderer verstand er es, Versatzstücke aus Jazz, Blues und Gospel so zu arrangieren, dass etwas völlig Neues daraus entstand. Auch Moden wurden integriert, wie die hierzulande kaum bekannte LP „Twist with Ray Charles“ von 1961 beweist. Im Unterschied zu anderen eilig produzierten Trend-Platten, die keinen Sommer überstanden, klingen selbst Modetänze bei Charles noch wie Jam-Sessions, in denen er sich die Stücke spielerisch aneignet, bis sie ihm ganz gehören. Mit rauer Stimme rief er seine Texte oft wie Parolen heraus und erdete so den abgekühlten, artifiziellen Jazz. Diese neue Musik nannte man Soul. In seinem berühmten Buch „The Death of Rhythm&Blues“ nannte der schwarze Chronist Nelson George Ray Charles einen Volkshelden. „Brother Soul“ spielte mit so ziemlich allen Größen: Quincy Jones, Dizzy Gillespie, Peggy Lee, Aretha Franklin. Weiße Musiker wie Jerry Lee Lewis coverten seine Stücke, im Hamburger Star-Club und im Londoner Marquee schwang er sich zu einem Heroen der aufstrebenden Beat- und Mod-Szene auf.

Trotz zeitweiliger Heroin-Sucht, mehreren Verhaftungen wegen Drogenbesitzes und einem ausschweifenden Leben, das er 1978 in seiner Autobiografie „Brother Ray“ beschrieb, verschwand er nie ganz von der Bühne. In dem Film „Blues Brothers“ hatte er einen Auftritt, in den Achtzigerjahren spielte er mit Chaka Khan. In den Neunzigern trat er in der in der Sitcom „The Nanny“ auf. Im Sommer 2003 fesselte ihn eine Hüftoperation an den Rollstuhl. Ray Charles hinterläßt 15 Grammys und rund 50 Billboard-Hits, darunter unvergängliche Klassiker wie „Sticks And Stones“, „Hit The Road Jack“ oder „I Don’t Need No Doctor“, 1966 nach erfolgreichem Drogenentzug geschrieben. Am Donnerstag starb an einem Leberleiden in seinem Haus in Beverly Hills der Erfinder des Soul.

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