Kultur : Der Blues des Bösen - Vom Altern des Art-Rock

Andreas Krieger

Edel! Edel ist das erste Wort, dass einem einfällt, wenn man die neue CD "The KonstruKction of Light" von King Crimson in Händen hält. Das fein layoutete Booklet ist silberfarben, lila, dunkelblau, schwarz. Es passt in die Designer-Wohnungen mittelalter Yuppies. Optisch zumindest.

Doch hinter dem schönen Äußeren verbirgt sich ein Abgrund. King Crimsons zwölfte Studio-CD beginnt bereits mit einer lebensmüde grunzenden Stimme. "Well, I woke up this morning and I shaved off my head / by the time I realized what I had done I was already dead", grummelt Adrian Belew. Dieser Selbstmörder-Song namens "ProzaKc Blues" verendet schließlich in einem derart dreckigen Sound, dass man denken könnte, die Boxen geben gerade ihren Geist auf. Nein, mit der erdigen Einfalt eines B.B. King oder eines John Lee Hooker hat dieser Blues nichts gemein.

King Crimson sind viel existenzialistischer. Sie stellen Fragen wie diese: "And if God is dead what am I, a fleck of dirt on the wing of a fly?" Große Fragen. Zu groß, um sie in einem Rocksong beantworten zu können. "Tragedys of Kennedys, refugees, AIDS disease, photos of Hiroshima, the Holocaust, and Kosovo", singt Belew am Ende seiner Reise ins Herz der Finsternis. Keine luftigen Momente mehr wie noch auf der letzten Platte "Thrak" (1995), wo die Stücke harmlos "Walking on Air" oder "Sex Sleep Eat Drink Dream" hießen und gemütlich grooven durften. Nun sollte man vielleicht die Songtexte einer Band wie King Crimson, deren Repertoire viele Instrumentalstücke beinhaltet, nicht überbewerten. Es sei jedoch vermerkt: Depressive Texte dieses Formats gab es in der Rockmusik seit Nirvana nicht mehr.

King Crimson spielen "Art Rock", einen Musikstil, der in den frühen 1970ern aufkam. Rock war plötzlich Kunst oder hatte zumindest den Anspruch, es zu sein. Seit ihrem am 10. Oktober 1969 veröffentlichten Debüt "In the Court of the Crimson King" galt für die Band: Man kann nicht darauf tanzen, man kann dazu nicht klatschen, und erst recht ist das keine Musik, die man sich mal eben beim Autofahren reinzieht. Nein, um King Crimson korrekt zu konsumieren, muss man sich konzentrieren. Einer King Crimson-Platte nähert man sich wie einem abstrakten Gemälde. Erst lässt man sich von der Wuchtigkeit, der Gewalt erschlagen. Dann geht man in die Details, zerlegt im Kopf feingliedrig die Komposition. King Crimson schreiben keine Songs. Sie konstruieren Monumente. "The KonstruKction of Light" ist wieder eine große, schwierige Platte geworden. Ein ehrenvolles, weil radikales Alterswerk - man vergleiche, welch schäbiges Ende andere Art-Rock-Bands genommen haben. Pink Floyd veröffentlichten zuletzt nur eine mäßig interessante, uralte Live-Aufnahme von "The Wall". Genesis inszenieren sich als klebrige Konsens-Rocker. King Crimson sind produktiv geblieben, veröffentlichen auf ihrem eigenen Independent-Label "Discipline Global Mobile" jedes Jahr ein paar mutige Aufnahmen. Freilich nicht immer unter demselben Bandnamen. Zuletzt übte sich die Band in "FraKctalisation". King Crimson teilten sich in fünf kleine Session-Einheiten auf. Die Arbeitsergebnisse dieser "ProjeKcts" wurden im letzten Jahr mit einer opulenten Vierer-CD-Box dokumentiert. Atemberaubend präzise Improvisationen, unbändig und diszipliniert zugleich. Für das "offizielle" neue Album und die derzeitige Tournee sind King Crimson von der zuletzt aktuellen Doppel-Trio-Besetzung zum Doppel-Duo geschrumpft. Pat Mastelotto, der Bill Bruford am Schlagzeug ersetzte, holpert und stolpert durch die Synkopen, Trey Gunns Bass pumpt stetig, und die Gitarren von Robert Fripp und Adrian Belew terrorisieren mit Tonleiteretüden. King Crimson sind dabei, so etwas wie die Lucky Lukes unter den Rockbands zu werden: Sie spielen schneller als ihr Schatten und kommen nicht mal ins Schwitzen.

Das markanteste Markenzeichen von King Crimson war aber stets die Saitenarbeit von Robert Fripp. Es gibt ja diesen Witz, dass manche Menschen ihren Haustieren ähneln. Bei Fripp könnte man spötteln, sein Instrument klinge so, wie er heißt: "fripp, fripp, fripp, fripp, fripp, fripp!" Der Gitarrenmathematiker zerlegt seine Soli in hektische, abstrakt-schöne Tonfolgen. Gedroschene Akkorde vermeidet er. Und doch könnte er mit seinem kraftvollen, scharfen Gekniedel Heavy-Metal-Fans in die Flucht schlagen.

"The KonstruKction of Light" ist ein kluger Titel für eine King Crimson-Platte, benennt er doch einen Widerspruch, an dem sich die Band seit ihrem Debüt abarbeitet: Technik (Konstruktion!) trifft auf Natur (Licht!), das Verkopfte auf das Archaische, streng arrangierte Epen auf wirre Improvisationen. Auch wenn King Crimson beide Seiten des Extrems beherrschen, bleibt doch der Gegensatz das spannendste Element ihrer Musik. Ihre Stücke sind Kontrast-Studien. Bei "Heaven And Earth" etwa zerfetzen grausame Gitarren das flauschige Ambient-Gewabber. Selbst solche Gewalttätigkeiten wirken architektonisch kühl berechnet - wie mit Taschenrechner und Lineal komponiert.

Anstrengend waren King Crimson in den 31 Jahren ihres Bestehens eigentlich immer. Ab 1969 sollten King Crimson für ein paar Jahre als einflussreichste Rockband gelten, auch wenn sich ihre Platten meist eher zurückhaltend verkauften. Bombast, Selbstverliebtheit, minutenlange Improvisationen durften fortan auf keiner Rockplatte mehr fehlen. Noch heute klingt King Crimsons Debüt "In the Court of the Crimson King" erschreckend. Wenn das majestätische Gitarrenriff des Openers "21st Century Schizoid Man" wie ein richterlicher Hammer niederdonnert und Sänger Greg Lake wie ein zorniger Gott brüllt, wird klar, dass es ohne King Crimson eine ganze Generation von psychopathischen Rock-Monstern nie gegeben hätte. Und so ist es kein Zufall, dass Adrian Belew auch maßgeblich auf "The Fragile", dem neuesten, epochalen Album der Krachmacher Nine Inch Nails mitgewirkt hat. King Crimson kümmern sich um ihre Erben. Zum Sterben ist es viel zu früh.King Crimson spielen heute in der Columbiahalle, 21 Uhr

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