Kultur : Der britische Humor blieb zu Hause

NICOLA KUHN

Angetreten waren sie, um Sensation zu machen.Ein Coup, der den jungen britischen Künstlern vergangenes Jahr mit der gleichnamigen Ausstellung in der Londoner Royal Academy weidlich gelungen war: die Medien voll davon, das Publikum aufgebracht und am Ende 350 000 Besucher (Tsp.vom 20.9.1997).Mit der gestrigen Eröffnung ist die 110 Werke zählende Auswahl aus der Privatsammlung des Londoner Werbefürsten Charles Saatchi nun also in Berlin, im Hamburger Bahnhof, angekommen.Und jetzt wird sich die Frage auch eher beantworten lassen: War da was? Taugt die britische Kunst jenseits ihres Remmidemmi-Images, mit dem sie für die Gazetten gut und zur Belebung des unlustig dahindümpelnden Kunstmarktes so wichtig ist? So jedenfalls erscheint es häufig genug Beobachtern auf dem Kontinent.

Die neueste Auflage der Schau der 52 "Young British Artists" - YBA, wie sie knapp und werbeträchtig als Label firmieren - beweist es eindrücklich: Da ist etwas.Und das Wort "Sensation" wird nunmehr in seiner Bedeutung Empfindung, Erregung, Gefühl erfahrbar.Was sich in London durch den traditionellen Charakter der historischen Akademiesäle an Schrillheit, Jahrmarktzauber, Überdrehtheit noch steigerte, erscheint nun auf einmal beruhigt, geradezu seriös - museal, könnte man sagen, aseptisch sogar.Der tragische Moment, das Verzweifeln an den Härten der Realität ist nun plötzlich der vordergründige Eindruck einer Kunst, die doch eigentlich so frech und herzerfrischend unbekümmert daherzukommen schien.

Im Hamburger Bahnhof wird BritPop eben nicht nur mit dem womöglich zu Nachdenklichkeit und Schwermut neigenden Blick der Deutschen gesehen, sondern vor allem ausgestellt.Rückblickend erscheint für die Präsentation dieser renitenten Installationen (etwa Tracy Emins Zelt mit der Beschriftung aller ihrer "Bettgenossen"), der frechen Malereien (Marcus Harveys "Na Junge, gefällt Dir, was Du siehst? Dann ruf an") und obszönen Skulpturen (die erotischen "Verirrungen" der Chapman-Brüder) die Wolfsburger Lösung geeigneter zu sein.Im dortigen Kunstmuseum hatten die jungen Briten vor zwei Jahren mit "Full House" ihren ersten großen Auftritt in der Bundesrepublik, wo sie so richtig trashig in Holzverschlägen ausgestellt wurden.Doch der Hamburger Bahnhof ist eben ein Sammlermuseum, und ein Sammler traf auch die Entscheidung für den Kauf entsprechend sammlungswürdiger Kunst.Den jungen Briten steht dieser Zug ins Ernsthafte, Wertbeständige durchaus, denn damit kommt die YBA-Diskussion endlich weg von der beständigen Nacherzählung ihrer Erfolgsgeschichte: wer, wann Pate an der Wiege dieses Marktphänomens made in London war.Zu übersehen ist der Hauptdrahtzieher dieser Welle mit dieser Ausstellung ohnehin nicht: Charles Saatchi, der den Boom mit seiner finanzgepolsterten Begeisterung für die britische Nachwuchskunst eifrig mitbefördert haben dürfte.

Und Saatchi kaufte, kaufte en masse, wie es ihm in den Sinn kam: Ende der achtziger Jahre begann er bei Damien Hirst, der Leitfigur des YBA-Phänomens.Von seinen spektakulären, in Formaldehyd eingelegten Schafen, Kälbern und Schweinen sind gleich mehrere im Hamburger Bahnhof zu sehen, vorneweg der berühmte Hai, der nun im Entree in seiner Glasbox schwebt - versehen mit der sinnigen Titelzeile "Die Unvorstellbarkeit des Todes für einen Lebenden", die aus britischer Perspektive angesichts dieses Zwei-Meter-Tieres etwas Juxiges haben kann, hier aber durch die bleiernen Skulpturen eines Anselm Kiefer und den Mystizismus eines Joseph Beuys geradezu metaphysisch wirkt.Marcus Harveys Riesenporträt der Kindsmörderin "Myra", gemalt aus Hunderten grauer, schwarzer, weißer Händchen, das in London noch so für Skandal gesorgt hatte, hängt im Hamburger Bahnhof nun in der Flucht der edlen Kleihues-Halle, anstandshalber gegenüber dem sonst dort befindlichen Warhol-"Mao" jedoch aus der Flucht gerückt.

Zu den überraschendsten Erfahrungen dieser Ausstellung gehört es wohl, daß gerade nicht voyeuristische Gelüste befriedigt werden.Immer wieder hat man die skandalträchtigen Werke abgebildet gesehen - angesichts des Orginals tritt eher Beklommenheit ein.Die einer menschlichen Figur ähnelnde "Bunny"-Skulptur von Sarah Lucas, bestehend aus ausgestopften Nylons, die von einer Schraubzwinge an einen Holzstuhl befestigt werden, erregt mehr noch Mitleid als ein befreiendes Lachen über die Komik der Strumpf-Ohren.Und Ron Muecks "Toter Vater" ist kein perfektes Püppchen mehr aus Silikon und Acryl, sondern ein ergreifendes Requiem für den vollkommen entkleidet daliegenden Mann.Angst, Tod, Gewalt - um diese Themen kreisen immer wieder die Werke der Young British Artists.Der berühmte britische, wenn auch schwarze Humor scheint auf dem Weg über den Kanal auf der Strecke geblieben.Vielleicht braucht es aber auch nur die richtige Partystimmung, an der es in der dieser Tage sich selbst feiernden Kunststadt Berlin eigentlich nicht fehlen sollte.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr.50-51, bis 17.Januar; Katalog im Cantz Verlag, 39 Mark.

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