Kultur : Der Brückenbauer

Zum 90. Geburtstag des Philosophen Paul Ricoeur

Bettina Engels

Sein Vertrauen auf die Unabgeschlossenheit der Geschichte hat ihn immer gegen alle Verlockungen des philosophischen Fundamentalismus immunisiert. Das Denken in Systemen war nie seine Sache. Paul Ricoeur sah sich als Brückenbauer, und diese Eigenschaft hat ihm in der aufgeheizten intellektuellen Atmosphäre der Sechziger- und Siebzigerjahre gelegentlich Spott, vor allem aber Desinteresse eingetragen. Gegen den von der Pariser Mode vorgeschriebenen poststrukturalistischen Kopfputz wirkte die Hermeneutik, zu der sich Ricoeur nach seinen phänomenologischen Lehrjahren zunehmend bekannte, wie ein alter Hut.

Auch wenn sich ein Denker wie Jacques Derrida aus dem gleichen Fundus bediente – Husserls Philosophie der Intentionalität und deren hermeneutische Aufhebung in Heideggers Analytik des Daseins –, so weigerte sich Ricoeur doch stets, die scheinbar notwendigen Konsequenzen aus Heideggers „linguistischer Wende“ zu ziehen und das Subjekt zum Spielball seiner Sprachzeichen zu erklären. Spätestens seit den ideologisch ausgeglühten Achtzigerjahren zeichnet sich eine Ricoeur-Renaissance ab. Sie entspringt der Annäherung der analytischen und der der in den USA so genannten kontinentalen Philosophie. Zusätzlich zu seiner Pariser Professur übernahm er 1970 den Lehrstuhl des Theologen Paul Tillich an der Universität Chicago, 1990 setzte er sich in „Das Selbst als ein Anderer“ mit der analytischen Sprach- und Handlungstheorie auseinander.

Besonders die Debatten, die heute diesseits und jenseits des Atlantiks über die relativistischen Folgen des lingusitic turn geführt werden, verleihen dem altmodischen Vertrauen Ricoeurs auf verbindliche Verständigung und Erkenntnis neuen Glanz. In ihrem Licht erscheint er als der Querdenker unter den französischen Hitzköpfen, der auch in Zeiten mächtiger Gegenargumente seinen Intuitionen vertraut.

Doch Ricoeurs Hartnäckigkeit speist sich aus Quellen, die dem angelsächsischen Pragmatismus wohl nur bedingt ins Konzept passen. Weniger der Ruf nach „innerweltlicher Bewährung“, sondern vielmehr der „Ruf des Gewissens“ dient dem protestantischen Denker als Korrektiv für ketzerische philosophische Hypothesen. Die strenge Logik der Argumentation bleibt hintergehbar – nicht nur durch die poetische und die unbewusste Dimension der Symbole, sondern auch durch die Kontingenz der Schuld. Bei Ricoeur ist es letztlich der Glaube, der im symbolischen Kosmos des Menschen Wirklichkeit stiftet. Und auch der Selbstbezug des Subjekts, seine „narrative Identität“, ist für ihn eher dem Nächsten geschuldet, als dass er eine theoretische Gewissheit wäre.

In Ricoeurs jüngsten, historiografischen Arbeiten tritt neben die ethische Indienstnahme durch den Anderen ein weiterer Imperativ: die Pflicht zur Erinnerung. Erst in der historischen Darstellung entfaltet die Vergangenheit für ihn ihre ganze Bedeutung. Heute wird Paul Ricoeur 90 Jahre alt.

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