Kultur : Der Brückenbauer

Eine Begegnung mit Pierre-Laurent Aimard, „Pianist in Residence“ der Berliner Philharmoniker

Ulrich Pollmann

Pierre-Laurent Aimard ist ein gesuchter Mann. Nicht nur bei den Berliner Philharmonikern, auch an der New Yorker Carnegie Hall, dem Wiener Konzerthaus und beim Lucerne Festival ist er „Pianist in Residence“, umfassende Freiheit in der Programmgestaltung inklusive. In ihm scheint sich etwas zu fokussieren, das Rückschlüsse auf den gegenwärtigen Stand der Dinge in Sachen Klassik zulässt.

Was treibt diesen Mann? Denn das zeichnet ja wohl bedeutende Interpreten vor der Masse gut ausgebildeter und begabter Musiker aus: Dass sie eine Obsession haben, einen ganz eigenen inneren Antrieb. Vielleicht auch – etwas romantischer – eine Spur von Leiden am Bestehenden, eine Vision davon, dass alles auch ganz anders sein könnte. Oder eben ganz trivial ein Ungleichgewicht im eigenen Seelenleben, das nach einem Ventil verlangt. Aimard jedenfalls muss einen sehr starken Antrieb haben, man macht sich keine Vorstellung davon, was dieser Ausnahmepianist, 1957 in Lyon geboren, in seinem Leben alles an Noten in sich hineingefressen hat. Aimard hat 18 Jahre lang im ausschließlich der Avantgardemusik verpflichteten Ensemble Intercontemporain seines Mentors Pierre Boulez gespielt. Etwas davon spürt man, wenn man Aimard gegenübersitzt. Feinnervig, auch unterschwellig etwas angespannt und nervös wirkt der Franzose, man meint, bei aller Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit gelegentlich ein leichtes, aber stets präsentes Beben zu spüren. Auf dem Konzertpodium erscheint Aimard mit seinem kragenlosen Hemd dann fast mönchisch. Als Antiinszenierung, die einerseits Authentizität verspricht, andererseits die Erwartungen, die das Klassik-Business an Starpianisten richtet, in subtiler Weise bricht.

Was also treibt diesen Musiker? Vielleicht die Angst. Die Angst, dass unsere Kultur just an der Bruchstelle von Tradition und Moderne scheitert. Dafür ist Aimard die Nichtakzeptanz der Neuen Musik nur Chiffre. Die Brüche der Moderne, dieses Ins-Grenzenlose-Fallen nach dem Ende aller Gewissheiten, sie mögen für andere Pianisten Grund genug zur Abschottung sein, willkommene Gelegenheit zur Bildung sentimentaler Rückzugsinseln. Aimard würde darin eher die Endphase einer ohnehin im Verschwinden begriffenen Musikkultur sehen, und dagegen kämpft er an. Wenn nichts geschehe, sagt er, ist die Klassik in 20 Jahren tot. Also baut Aimard Brücken. Bach, Chopin, Debussy, Ligeti – für Aimard sind das enge Verwandte.

Bei György Ligetis vor komplexen rhythmischen Überlagerungen nur so strotzenden Etüden zeigt sich eine weitere Obsession des französischen Pianisten: Die fanatische Lust am manischen Verschränken der zehn Finger, das Greifen ins Verästelte, das Sich-Auflösen des Haptischen in der Struktur. Mit seinen Händen zwingt Aimard Musik verschiedener Epochen ineinander, macht Zusammenhänge im Wortsinne be-greifbar. Es ist ermutigend, dass ein so staruntypischer Pianist neben so manchem pianistischen Zirkusakrobaten nun ganz oben in den Musikzentren dieser Welt steht.

Am 19. 4. tritt Aimard mit Stipendiaten der Philharmoniker im Kammermusiksaal auf. Vom 20. bis 22. 4. spielt er mit den Philharmonikern Beethovens 2. Klavierkonzert unter Seiji Ozawa.

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