Kultur : Der bürgerliche Rockzipfel Das Jüdische Museum

zeigt Familienporträts

Michael Zajonz

Die Bühne gehört dem Nachwuchs. Vom Klavier aus kontrolliert Babette, die älteste Tochter, mit liebevoll aufmerksamen Blicken das Geschehen. Direkt neben ihr proben zwei jüngere Geschwister ein gemeinsames Tänzchen. Die kleine, rotbackige Clara versucht voller Eifer, es ihnen nachzutun. Der große Bruder Carl hält sich im Hintergrund, um die Szene mit Papier und Stift festzuhalten. Nur die kleine Anna hängt der Mutter, die würdig auf dem Sofa thront, am schwarzseidenen Rockzipfel. Aus dem Halbdunkel treten zwei Männer in das Wohnzimmer: der Berliner Maler Julius Moser und sein Auftraggeber Moritz Manheimer, ein jüdischer Kaufmann.

Moser malte sich selbst inmitten des Manheimerschen Zimmertheaters 1850. Gruppenporträts bürgerlicher Familien gab es seit dem 18. Jahrhundert. Doch dieses ist neu. Die Manheimers posieren nicht vor ihrem Kontor, um die Quelle ihres Wohlstands zu dokumentieren. Stattdessen zelebrieren sie Bildungsanspruch und Geschmack ihrer Epoche.

„Stil(l)halten“ heißt eine Ausstellung im Jüdischen Museum, die das Kunststück fertig bringt, die Kultur bürgerlicher Selbstinszenierung anhand von nur sechs Familienbildern jüdischer Berliner zwischen Biedermeier und Klassischer Moderne zu erzählen. Inka Bertz, die Kuratorin der Schau, und der Ausstellungsgestalter Fred Berndt nehmen sich die Freiheit, die Geschichten dahinter auszumalen. Da wird das Wohnzimmer der Manheimers bis zur letzte Ofenkachel nachgebaut, und plötzlich begreift man den schützenden wie beengenden Charakter altbürgerlichen Familienlebens. Da erscheint Anton von Werners nur noch in einer Ölskizze und Fotos überlieferter Kostümschinken der Verlegerfamilie Mosse, der das Palais am Leipziger Platz schmückte, als lebensgroßes Scherenschnitttheater. Und die Geschäfte des Bahn-Bankrotteurs Henry Strousbergn werden als Luftnummern entlarvt. Das überraschende Ergebnis des von Inka Bertz geschriebenen, schön ausgestatteten Buches: Gruppenporträts jüdischer Familien unterscheiden sich kaum von denen christlicher. In Berlin entstanden solche Bilder häufiger als anderswo, denn hier gab es begabte Maler. Das Familienbild Manheimer kehrte 1986, zunächst als Leihgabe, von Oxford nach Berlin zurück. Auf der Rückseite klebt seit 1936 ein Vermerk, der auch Titel einer Ausstellung im alten Jüdischen Museum war. Er lautet schlicht „Unsere Ahnen“.

Jüdisches Museum Berlin, bis 16.1.2005 Di–So 10–20 Uhr, Mo. 10–22 Uhr. Buch: „Familienbilder. Selbstdarstellung im jüd. Bürgertum“ (Köln: Dumont) 125 S., 14,90 €.

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