Kultur : Der Bundesgenosse

Berlin braucht eine große Lösung: Wer folgt Thomas Flierl im Amt des Kultursenators?

Christiane Peitz

Alle sagen: André Schmitz muss es machen. Der 49-jährige Chef der Senatskanzlei wird derzeit als Hoffnungskandidat für den Posten des Berliner Kultursenators gehandelt. Weil er politisches Format hat und in der Kulturszene zu Hause ist. Weil er seinen alten Freund Klaus Wowereit zum Bündnis für die Kultur animieren kann. Weil er Gegensätze vereint. Er hat einst Castorfs Volksbühne mit aufgebaut und danach die Deutsche Oper vor dem Schlimmsten bewahrt: Ost und West, das wilde Theater und die bürgerliche Musikbühne. Der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann sagte dem Tagesspiegel: „Schmitz wäre die Ideallösung für den Posten.“

Wenn die rot-rote Koalition voraussichtlich am Montag die Personalfragen klärt, wird ihr die Ernennung des Kultur- und Wissenschaftssenators nicht leicht fallen. Die Größe des Amts verbietet kleine Lösungen. Seit dem Urteil von Karlsruhe wirbt Wowereit energisch für Wissenschaft und Kultur als bedeutendste Zukunftsressource der verschuldeten Stadt. Nun müssen sie dieser Ressource auch ein angemessenes Ressort zuschneiden. Eins mit eigenständigem Gewicht.

Dennoch hält sich bislang das Gerücht, die Kultur werde künftig womöglich von einem Staatssekretär in der Senatskanzlei verwaltet und die Wissenschaft werde der Wirtschaft zugeschlagen. Das wäre ein Hohn angesichts der vehementen Plädoyers für den zwar unterfinanzierten, aber blühenden Kultur- und Wissenschaftsstandort.

Ein Hohn wäre es auch wegen der gewaltigen Herausforderungen: Thomas Flierls Nachfolger muss verhindern, dass die Lindenoper von der Baupolizei geschlossen wird. Er muss den defensiven Opernstiftungs-Generaldirektor Michael Schindhelm in die Offensive zwingen: Mit der Bitte um mehr Geld für die Stiftung blamiert sich Schindhelm allmählich nur noch. Er muss die Hochschulen fit machen für die weltweite Qualitätskonkurrenz. Und er darf die entscheidende Vision für Berlins zentralen Ort, den Schloßplatz, nicht verspielen. Ihm muss die Quadratur des Kreises gelingen: Weder für die Sanierung des Knobelsdorff-Baus noch fürs Humboldt-Forum hat die Stadt derzeit auch nur einen Cent.

Viele haben sich in den letzten Jahren an der kniffligen Kultur die Zähne ausgebissen. Peter Radunski mit seinen Bemühenszusagen. Christa Thoben, die nach vier Monaten das Handtuch warf. Bildungsbürger Christoph Stölzl, der wegen der Opernstiftungsfrage eine internationale Konferenz einberief, vergeblich. Adrienne Goehler, die schillernde Intellektuelle mit grünem Stallgeruch – auch nur kurz im Amt. Und PDS-Senator Thomas Flierl, der zwar einiges wuchtete, aber blass blieb und still. Selbst in der eigenen Partei hat er wenig Rückhalt.

Der Neue muss sich auch auf dem Parkett der Bundespolitik behaupten. Er wird bei Kulturstaatsminister Bernd Neumann für die Belange der Hauptstadt werben müssen, besser noch: bei Opernfreundin Angela Merkel. Früheren Kulturstaatsministern lag Berlin mehr am Herzen als dem Bremer Föderalisten Neumann. So empfindet Amtsvorgängerin Christina Weiss die Haltung der Länder gegenüber der Hauptstadt als „hämisch“. Sie beklagt die starr gehandhabte Kulturhoheit der Länder nach der Föderalismusreform.

Dennoch hält Weiss die Forderung, der Bund möge die Staatsoper übernehmen, aus verfassungsrechtlichen Gründen für falsch. Sie empfiehlt stattdessen das besondere Engagement des Bundes „bei der kompletten Sanierung der Staatsoper und beim Humboldt-Forum. Das wäre ein klares Bekenntnis zur Hauptstadt und zur Geschichte Deutschlands.“ Und sie rät, „die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vollständig in die Hand des Bundes zu übernehmen, also auch die 25 Prozent, die jetzt noch die Länder tragen“.

„Zeit“-Herausgeber Michael Naumann, den Kanzler Schröder 1998 als ersten Kulturstaatsminister installierte, warnt ebenfalls: „Es wäre furchtbar, wenn die Stadt das, worauf sie am meisten stolz sein kann, in der politischen Kleingemengelage leichtfertig verspielt.“ Anders als Weiss hält er es für möglich, „dass die Staatsoper aus dem zwar gut gemeinten, aber bislang nichtsnutzigen Verband der Opernstiftung herausgelöst und unter der Obhut der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Bundeshand übergeben wird“. Vor allem plädiert Naumann für die Umwandlung von ein oder zwei Berliner Hochschulen in Bundesinstitutionen, „nach dem Vorbild der Schweiz, dem föderalistischsten Land der Welt“. Für die Übernahme etwa der Humboldt-Universität genügte ein Verfassungszusatz. „So könnte der Bund,“ fordert Naumann, „seiner lautstarken Bildungsrhetorik endlich einen revolutionären Schritt folgen lassen.“ Die von Hochschul-Experten und Bundespolitikern begrüßte Idee einer von Bund und Land gemeinsam getragenen „Stiftung zur Förderung von Kultur und Wissenschaft“ in Berlin zielt in die gleiche Richtung.

Der künftige Kultursenator braucht (wie sein Wissenschaftskollege) also nicht nur ein eigenständiges Ressort, „um mit Zeit wettzumachen, was an Geld fehlt“, so Christina Weiss. Er braucht Wagemut, politische Fantasie, beste Kontakte und diplomatisches Geschick, um mit dem Bund über eine maßgebliche Erweiterung des Hauptstadtkulturvertrags zu verhandeln. Eine bescheidene Besetzung etwa mit der jetzigen Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler verbietet sich da von selbst.

Think big. Michael Naumann ist SPDMitglied, sein „Zeit“-Vertrag endet am 1. Januar, er ist mit Berlins Kultur bestens vertraut, außerdem Hochschulprofessor und kann gut mit Angela Merkel. Warum fragt die Koalition nicht mal solche Kaliber?

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