Kultur : Der Charme der frühen Jahre

Liebesgrüße aus dem Wirtschaftswunder: Die Bilder des Berliner Starfotografen Lothar Winkler werden wiederentdeckt

Christian Schröder

Kirk Douglas entsteigt am Flughafen Tempelhof seiner Maschine und nimmt noch auf der Gangway ein Begrüßungssouvenir entgegen: den Berliner Bären aus Plüsch. Freddy Quinn und Jayne Mansfield kurven, eng nebeneinander sitzend wie ein Liebespaar, im offenen weißen Heckflossen-Chrysler durch die Stadt, vor ihnen: ein paar VW-Käfer und die Gedächtniskirche. Eva Renzi kommt in einem atemberaubenden Minikleid aus einem U-Bahn-Ausgang, rauchende Passanten bewundern ihre Beine. Rita Pavone winkt am Café Kranzler nach einem Taxi. Gilbert Bécaud posiert vor einem Ku’damm-Straßenschild, die Hände stecken lässig in der Bügelfaltenhose, im Mundwinkel hängt die obligatorische Gauloise. Harald Juhnke prostet im Ausflugslokal einem Esel zu.

Es ist eine versunkene West-Berliner Welt, die in diesen Bildern wiederaufersteht, eine Vergangenheit, die gerade erst zu Ende gegangen ist und dennoch schon unendlich weit zurückzuliegen scheint. Die Bundesrepublik war jung und voller Optimismus, es konnte nur aufwärts gehen. Die Trümmer des verlorenen Krieges hate man eilig abgeräumt, „jetzt kommt das Wirtschaftswunder“, sang der Kabarettist Wolfgang Neuss, „jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder“. West-Berlin war die Außendependance dieses Wunderlandes, eine Insel im roten Meer der kommunistischen Bedrohung, bevölkert von tapferen Eingeborenen, die niemals ihre Ruhe verloren. Einmal im Jahr zur Berlinale, die damals noch im Sommer stattfand, wurden die Weltstars eingeflogen, stolz präsentierte man ihnen die Sehenswürdigkeiten der Halbstadt: Kurfürstendamm und Gedächtniskirche, das Kranzler.

Immer dabei: Lothar Winkler. Der Aufsteiger aus Kleine-Leute-Verhältnissen, 1927 in Neukölln geboren, schaffte in den fünfziger Jahren einen rasante Medienkarriere: vom Springer-Reporter, der bei der „Berliner Morgenpost“ und der „B. Z.“ anfing, zum erfolgreichsten deutschen Promi-Fotografen. „Als ich noch mit der Zirkelspitze die Namen von Kameras in meine Schulbank ritzte, fuhr draußen ein bärtiger Mann in einem VW-Bus durch das wirkliche Leben und fotografierte Stars“, so erinnert sich Jim Rakete an ihn. „Weil er das gern und gut tat, wurde er bald selber einer, ein Starfotograf. Durch die Tür, die er mit seinen Fotos aufgestoßen hatte, sind viele Kollegen gekommen. Aber er blieb der Einzige, dem dieser seltsame Begriff zugestanden hat.“

„Meine Freunde, die Stars“ heißt ein prachtvoller Bildband, der rund tausend Aufnahmen des vor sechs Jahren gestorbenen Fotografen versammelt. Winkler war ungemein produktiv, im deutschen Film der fünfziger bis siebziger Jahre gab es praktisch keinen Schauspieler, mit dem er nicht gearbeitet hätte, und auch von den Größen aus Hollywood bekam er die meisten vor die Kamera. Für ein Schallplattencover von Paul Anka ließ er einen Flügel mitten auf die Fifth Avenue in New York stellen, John Wayne lud ihn in seine Villa ein. Mit Freddy Quinn, für den er als eine Art Leib- und Hoffotograf fungierte, bereiste er die sieben Weltmeere, Hildegard Knef zeigte er bei Chanson-Aufnahmen mit Filzpantoffeln im Tonstudio.

„Er war immer gesellig und lustig“, sagt Marianne Winkler, die von 1959 bis 1968 mit dem Fotografen verheiratet war. „Vor allem aber war er verschwiegen, er hat kein Geheimnis ausgeplaudert, nicht einmal gegenüber seiner Ehefrau.“ Lothar Winkler muss man sich als das Gegenteil eines Paparazzo vorstellen, die Stars konnten sich seiner Diskretion sicher sein, deshalb suchten sie seine Nähe. Mit einigen von ihnen – wie Mario Adorf, mit dem er sich im Hotel Kempinski zum „Sportschau“-Gucken verabredete, oder Ingrid Steeger, der er mit frühen Nacktaufnahmen zu erstem Ruhm verhalf – war er tatsächlich befreundet. Die Agentur „Foto–Hipp“, die von Marianne Winkler geleitet wird, hütet einen Großteil seines Nachlasses, einen Bilderschatz mit weit über einer Million Aufnahmen. Die Negative sind penibel in Leitz-Ordnern abgeheftet, auf den Kontaktbögen sind noch die Filzstiftkreuze zu sehen, mit denen Paul Hubschmid, Götz George oder die Knef unvorteilhafte Fotos für die Veröffentlichung sperrten.

Es ist ein naiver Glamour, eine unbeschwerte Fröhlichkeit, die bis heute von Winklers Bildern ausgeht. Es waren die Pubertätsjahre der Republik, das Fernsehen kam erst langsam auf, noch existierte eine üppig blühende Illustrierten-Landschaft. Die Fans brachten ihren Idolen, über deren Filme und Leben in den bunten Blättern berichtet wurde, eine Zuneigung entgegen, die den Zynismus heutiger Popstar-Castingshows noch nicht kannte. Curd Jürgens serviert beim Homestory-Shooting in seinem französischen Sommerhaus Meeresfrüchte, auf der Brust des als „normannischer Kleiderschrank“ apostrophierten Helden-Darstellers kräuseln sich weiße Haare. Ingrid van Bergen liegt im Bikini auf der Wiese, die Beine züchtig angewinkelt. Marianne Koch isst eine Bockwurst vom Pappteller. Gerade das Nicht-Perfekte und Ungelenke dieser Inszenierungen macht die Fotos umso liebenswürdiger.

Lothar Winkler belieferte Filmproduktions- und Verleihfirmen wie die Constantin, Rialto oder Artur Brauners CCC mit Pressefotos, ab 1959 arbeitete er auch für die „Bravo“. Er kam ohne Assistent und aufwändige Beleuchtung aus, dem Reportagestil seiner Anfänge blieb er auch in der Kunstwelt der Filmstudios treu.

Die Regisseure des Neuen Deutschen Films wussten dann nichts mehr anzufangen mit dem bärtigen Pionier. Winkler zog sich auf einen Bauernhof nach Handorf in der Lüneburger Heide zurück und produzierte die Serie „Mädchen von nebenan“ für die „Neue Revue“: Seine Modells zogen sich aus, doch die Erotik blieb stets jugendfrei. „Cheesecakes“ nannte der Meister der Dezenz die Bilder.

LOTHAR WINKLER , Jahrgang 1927,

arbeitete für die Bravo , „Neue Revue“, „Life“, „Paris Match“ und den Hollywood Reporter. Der

Starfotograf starb

2000 in Berlin.

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