Kultur : Der Charme des Fetts

CHRISTOPH FUNKE

Der Mann ist besessen.Von der Lust am Reden.Von der Begeisterung über sein Dasein.Es muß endlich einmal heraus, wie großartig er ist.Ein Leben wird erzählt, und das besteht aus einer Kette von Stammtischabenteuern, durchgestanden mit alkoholisierter Schläue.Karl Merz und Helmut Qualtinger haben diesen "Herrn Karl" erfunden, 1961 kam er im Kleinen Theater des Wiener Konzerthauses auf die Welt.Im Schloßpark-Theater macht Heribert Sasse, fast vierzig Jahre später, aus dem orgiastischen Selbstdarsteller einen schmierigen Kerl, der sich recken muß, um Größe zu gewinnen.

Und Sasse zeigt, wie stabil dieser Kleinbürger über die Zeiten gekommen ist.Er würde heute nicht anders reden als damals.Die fatale Mischung von kneipendunstig-rührseliger Faulheit, Feigheit und Geilheit mit einem geradezu grausigen Biedersinn führt Sasse mit einem Gesicht vor, das glänzt und lächelt, sich genußvoll zusammenzieht, bis die Augen fast verschwinden.Herr Karl will Wirkung, Herr Karl will die jungen Leute, die ihm angeblich zuhören, er will also das Publikum.Und er kriegt es.

Sasse führt den Sicheren vor, der nur hin und wieder ausrastet, auch mal einen Moment der Schwäche hat, sich aber immer wieder hochreißt zu einer fettigen Freundlichkeit, die in sich schlüssig ist und Charme hat, wenn auch einen von der widerlichen Sorte.Manchmal scheint es, dieser Lagerarbeiter in einem Getränkegroßmarkt (Andreas Lungenschmid baute den aus sauber gestapelten Getränkekisten) sei ein ganz umgänglicher Mensch, angeberisch, aber harmlos.Sasse will die Zuschauer verführen, er gibt seinen Herrn Karl nicht preis.

Oder versteckt er ihn doch zu sehr? Der "Held" durchlebt die ersten sechs Jahrzehnte dieses Jahrhunderts in Wien, von Inflation, revolutionären Wirren, Nazizeit bis zu Nachkrieg, Staatsvertrag, Wiederaufbau immer nur als Zuträger, als untertäniger Helfer auf der jeweils "richtigen" Seite, als Unpolitischer mit dem guten Herzen, der sich mit gierigem Vergnügen jeder Scheußlichkeit anbiedert.Keine Arbeit, keine Ehe, keine Beziehung gelingt - aber nichts mißlingt auch so gründlich, daß Herr Karl auf der Strecke bliebe.Er windet sich durch, er paßt sich an, er ist unangreifbar einverständig mit sich und seiner bis zum Platzen aufgeblasenen Welt.Die böse Gefahr, die in dieser Haltung steckt, läßt Heribert Sasse nur ahnen.Er will den Schwätzenden in seiner prallen Selbstsicherheit erhalten, in dem leise höhnischen Überlegenheitsgefühl, das aus dem verpfuschten Leben trotzig, widersinnig abgeleitet wird.Sasse zeigt, daß Karl zusammenbrechen würde, wenn er nur einen Moment den Glauben an sein tolles Dasein verlöre.Der Schauspieler will den strahlend Prahlenden, der von seiner Hinterhältigkeit, seiner Würdelosigkeit, seiner miesen Durchschnittlichkeit nichts ahnt.Hintergründe zu finden, bleibt dem Zuschauer aufgetragen.

Es mag sein, daß man in dieser Zeit neuer kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa noch genauer auf den Merz/Qualtinger-Monolog hört.Mit diesem Herrn Karl ist alles zu machen.Der sitzt nicht nur in der Kneipe, der stützt jede Macht, der ist für jedes Verbrechen zu haben, der sieht gerne Blut, der ist immer fesch und agil, wenn es dem eigenen Wohlsein dient.Er ist eine Gefahr, er ist kein Spaßvogel.Und sein Lebensbericht eine Tragödie.Heribert Sasse präsentierte sie, vom Publikum gefeiert, mit einer raffiniert gleisnerischen, wirkungssicheren Freundlichkeit.

Aufführungen am 13., 16., 17., 21., 22., 24., 26.und 30.April, jeweils 20 Uhr.

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