Kultur : Der Chinakracher

Schwefel und Wölfe: Cai Guo-Qiang in der Deutschen Guggenheim Berlin

Nicola Kuhn

Cai Guo-Qiang ist ein Zauberer, ganz klare Sache. Die Galerie der Deutschen Guggenheim hat er in einen Ort der Magie verwandelt. Plötzlich meint man einen Windzug zu spüren, einen Energiestrom, der durch den gesamten Ausstellungssaal verläuft. Dann wieder knallt und pufft es laut vernehmbar wie bei einem Feuerwerk. Wer eine feine Nase hat, glaubt sogar Schwefelgeruch zu erschnuppern. Das Beste daran ist: Bei all dem handelt es sich um keine Taschenspielertricks, es ist alles real.

Tatsächlich hängt an der Wand eine 9 mal 4 Meter große Zeichnung, die mit Hilfe von abgefackeltem Schießpulver entstanden ist. Die Knallerei wird auf einem Video hörbar, auf dem nicht nur eine Rakete nach der anderen abzischt, sondern in einem Höllenspektakel gleich ein ganzes Haus zur Abschussbasis hunderter Feuerwerkskörper wird und am Ende selbst verglüht. Höhepunkt der Bizarrerie, die so viele schamanistische Züge trägt, ist ein Wolfsrudel, bestehend aus 99 nachgebildeten Tieren, das in einem großen luftigen Bogen durch die Haupthalle der Deutschen Guggenheim rast, um an deren Ende auf eine gläserne Wand zu stoßen und kläglich auf den Boden zu rutschen. Beuys hätte davon nicht einmal zu träumen gewagt.

Der Künstler als Zauberer, als Alchimist, ein Verwandler von Idee in Materie – vielleicht gab es deshalb bei der gestrigen Pressekonferenz in der Deutschen Guggenheim Applaus für Cai Guo-Qiang, was unter Journalisten bei Vorbesichtigungen nicht üblich ist. Den 49-jährigen Chinesen aus Quanzhou in der Provinz Fujian umweht die Aura des großen Meisters, auch wenn man das seinem senfgelben Jackett zunächst nicht ansieht. Das stammt vom Herrenausstatter Hugo Boss, seinem bevorzugten Modelabel. Womit aus Sicht des international gefragten Künstlers, der seit 1995 in New York lebt, ein wichtiger Bezugspunkt nach Deutschland hergestellt wäre.

Ansonsten nimmt er sein Verhältnis zu den Deutschen, seine künstlerische Auseinandersetzung mit deren Geschichte keineswegs auf die leichte Schulter. Bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin besuchte er Checkpoint Charlie, das sowjetische Ehrenmal, die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ sowie Überreste der Mauer. Das eigens in und für Berlin entwickelte Video „Illusion II“ steckt voller Bezüge auf die Historie der Stadt – und ist doch vor allem ein Feuerzauber.

Auf dem Freigelände hinter dem Anhalter Bahnhof ließ Cai ein eigens von den Babelsberger Filmstudios erbautes Haus mit treudeutschem Giebeldach nach allen Regeln der Feuerwerkskunst abfackeln. Zwanzig Minuten dauerte das Zauberstück, festgehalten mit 15 Kameras. Erhalten sind Aufnahmen von Schönheit, Zerstörung, eine Elegie aus Lichtfunken, abstürzenden Sternen vor dem abendlichen Himmel Berlins. Schon nach Sekunden assoziiert man den Zweiten Weltkrieg, denn in der Stadtsilhouette ragen auch die Umrisse des (später) zerstörten Anhalter Bahnhofs auf. Atemlos verfolgt der Betrachter dieses anspielungsreiche Werk der Vernichtung, von dem am Ende nicht mehr als die Erinnerung und ein Video bleibt.

Natürlich kommen einem auch die anderen Feuer-Kunstwerker Otto Piene, Yves Klein und Roman Signer in den Sinn. Doch das Werk von Cai, der 2008 auch die Eröffnungszeremonie zu den Olympischen Spielen in Peking gestalten wird, hat seine Wurzeln in der chinesischen Tradition; er kreuzt es nur mit den konzeptuellen Ideen des Westens. So verlängerte er 1993 mit Hilfe von weißem Pulverdampf die chinesische Mauer kilometerlang in die Wüste Gobi hinein und nannte es „Project for Extraterrestrials“. Dessen Schönheit war nur aus dem All wirklich zu würdigen.

Auf Erden wird das Schaffen des gelernten Bühnenbildners ebenfalls geschätzt: 1999 erhielt er für seine Installation auf der Biennale di Venezia einen Goldenen Löwen. Eine SchießpulverZeichnung von ihm wurde zuletzt für eine knappe Million Dollar bei Christie’s in Hongkong versteigert. Das New Yorker Guggenheim Museum widmet ihm 2008 eine Retrospektive, mit der es erstmals seinen neuen Sammlungsschwerpunkt mit asiatischer Kunst publikumswirksam demonstriert. Gewiss wird dann auch die Installation „Head on“ mit dem Rudel Wölfe zu sehen sein, die sich dann in Besitz der Sammlung Deutsche Bank befindet.

Für den New Yorker Sitz des Bankhauses unweit des World Trade Centers hatte der Künstler einst Löwen fertigen lassen, um in bester Feng-shui-Manier die Menschen vor bösen Geistern zu schützen. Bei den Anschlägen vom 11. September wurden die Löwen ebenfalls zerstört. Die 99 Berliner Wölfe, die lebensecht wirken, aber keineswegs das Fürchten lehren, so freundlich wie sie aussehen, gelten als Ersatz. Sie können zwar fliegen und enden doch vor einer gläsernen Wand. Die Macht des Zauberers hat Grenzen.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden, 13/15, bis 15. Oktober; täglich 11-20 Uhr. Katalog folgt.

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