Kultur : Der chinesische Beitrag von Wu Wenguang - Unterwegs mit den Gauklern

Silvia Hallensleben

In China trinkt man anders. Jedenfalls, wenn es ums richtige Trinken unter gerade wiedergefundenen Freunden geht. Das geht so: Flasche angesetzt, Kopf in Liegestellung gebracht, Flasche senkrecht drauf und rein. Bei Bier braucht es dabei etwa zehn Flaschen pro Mann. Wenn dann alle auf dem Boden liegen, treten die Frauen in Aktion mit den entsprechenden Vorwürfen und den nötigen Hilfeleistungen. Nicht, dass es sowas nicht auch anderswo gäbe, ich sage nur Werner. Doch im Kino geht es immer auch um den Einblick in fremde Welten. Man kann das Voyeurimus nennen oder "cinema verité", über Inszenierung und Objektdistanz und Perspektive streiten. Oder einfach die Augen aufmachen und staunen, was denn die Menschen, die gerade nicht Kino gucken, so treiben.

Wie oft haben wir schon die Möglichkeit, hinter die Kulissen eines chinesischen Wanderzirkusses zu sehen? Nicht dem Staatszirkus etwa, eigentlich gar kein richtiger Zirkus, sondern eine Truppe von ein paar ehemaligen arbeitslosen Bauern, die sich entschlossen haben, das Unternehmertum zu versuchen mit einem alten Zelt, ein paar Brettern und einer Show, die Bikini-Tanz-Girls mit ein bisschen Artistik, Lightshow und Musikdarbietungen mischt. Die Tanzkünste der Bikini-Girls sind begrenzt, doch an der Grenze der Legalität. Das Publikum kommt spärlich, und der Anteil an Zahlungsunwilligen ist hoch. Und die Artisten haben schon seit Monaten kein Geld gesehen und drohen, zu rebellieren. Da muss viel telefoniert - selbstverständlich mit Handy - und verhandelt werden, nach allen Seiten, und ein bisschen gedroht und hofiert und nachgeholfen auch.

Einige Monate begleitet der Film die Truppe, die ihr Leben in, um und unter dem Zelt aufgeschlagen hat und lässt die meist männlichen Protagonisten zu Wort kommen, den Boss ebenso wie die aufmüpfigen Artisten. Die Kamera ist mittendrin im Geschehen, endlich einmal ein Film, der die Benutzung von Videotechnik sinnfällig macht. Der Filmemacher Wu Wenguang, der "Jiang Hu" mit kleinem Team fast im Alleingang realisiert hat, war vorher Volksschullehrer und Journalist. Man sieht es, es ist nicht Kunstwollen, es ist Neugier und auch Empathie für seine in den Kapitalimus geworfenen Protagonisten, die diesen Filmemacher treibt. Manches ist fremd in diesem China, aber vieles ist auch befremdlich gleich.Heute 20.30 Uhr (CineStar 5), morgen 15 Uhr

(CineStar 5), 13.2., 17 Uhr (Arsenal)

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