Kultur : Der Comandante im Labyrinth

Falsche Freunde, echte Feinde: Fidel Castro, Kubas Dissidenten, die USA und die internationale Linke

José Aníbal Campos

Fidel Castro macht den Dissidenten seines Landes erneut das Leben schwer. Seine jüngste Drohung: Europäische Botschafter, die zu ihren Empfängen Castro-kritische Intellektuelle einladen, sollen mit dem Ausschluss aus dem politischen Leben Havannas bestraft werden. Die EU hat nämlich angeregt, die Botschaften als Freiräume zu nutzen und etwa zu Nationalfeiertagen besonders Dissidenten zum Cocktail zu bitten. So hat die französische Botschaft am heutigen 14. Juli prominente Castro-Gegner zu Gast – und riskiert nun Restriktionen.

Schon im Juni hatten Castro und sein Außenminister Felipe Perez Roque eine Demonstration angeführt, die sich gegen die angebliche aggressive Anti-Kuba-Politik Europas richtete – nach dem Vorbild Amerikas. Innenpolitik im Gewand der Außenpolitik: So war es bereits bei der Verhaftung von fast 80 friedlichen Oppositionellen und der Hinrichtung von drei Jugendlichen im Frühjahr 2003. Denn Castros Regierung war die außenpolitische Ebene schon immer die liebste: Stets werden nationale Konflikte in das Raster des ewigen Konflikts zwischen Havanna und Washington eingepasst.

Das Spiel von Gut und Böse

Erinnern wir uns: Die Regierung des Inselstaates hatte den Irak-Krieg genutzt, um die Weltöffentlichkeit von ihren Aktivitäten innerhalb Kubas abzulenken. Optimisten sagen, dieser Plan sei nicht aufgegangen, weil die internationale Linke massiv protestiert habe. Dennoch hat es nicht den Anschein, dass Castros Pläne durchkreuzt worden wären. Dass sich namhafte Intellektuelle gegen die Verhaftungen und Hinrichtungen aussprachen, bedeutet keineswegs, dass die Linke im Hinblick auf Kuba endlich aufgewacht wäre. Zumal ein nicht unbedeutender Teil von ihr zu den Vorfällen schweigt oder, schlimmer noch, Castros Lieblingsspiel von den „Guten“ und den „Bösen“ mitspielt.

So konnten Castro, die Falken des kubanischen Exils und die Hardliner in der US-Regierung ihre Konfrontation aufrecht erhalten. Diese erlaubt es der amerikanischen Regierung, das Thema Kuba für ihre Wahlkämpfe zu nutzen, während sie es Castro ermöglicht, jegliche Opposition mit dem Vorwurf zum Schweigen zu bringen, sie diene den imperialen Interessen der USA und gefährde die Souveränität der Nation.

Wenn Castro von Souveränität spricht, meint er seine eigene: die unbeschränkte Befugnis, schlecht zu regieren, ohne Kontrolle nicht nur durch das Ausland, sondern auch durch die Instanzen, die dafür eigentlich in der kubanischen Verfassung vorgesehen sind. Der kubanische Essayist Rafael Rojas hat einmal gesagt, Fidel Castro sei der einzige in Kuba, der alle demokratischen Freiheiten genieße. Die sozialistische Verfassung sieht die Möglichkeit eines Volksbegehrens vor. Als aber das so genannte Varela-Projekt 11020 Unterschriften für demokratische Reformen sammelte, 1020 mehr als nötig, ließ Castro ein Referendum dagegen simulieren.

Die jetzige Welle der Repression ist das jüngste Kapitel in einem Prozess der Einschränkung jener kleinen zivilen Freiräume und bescheidenen wirtschaftlichen Reformen, zu denen sich Kuba in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre genötigt sah. Seit Ende 1999, als eine gewisse ökonomische Stabilität erreicht war, werden sie wieder zurückgenommen. Castro verfolgt damit einmal mehr das Ziel, die Weltöffentlichkeit vor die moralische Wahl zu stellen, entweder seine drastischen Maßnahmen mitzutragen oder als Komplize Washingtons zu gelten. Kubas Isolation ist nämlich eine bewusste Strategie: Castro wendet den inneren Widerspruch nach außen und spekuliert dabei dabei auf die Nachsicht derer, die wegen des Irak-Kriegs Amerika-kritischer sind als zuvor.

Sicher, es gab Proteste von Linksintellektuellen, mit denen Castro bei seiner Kraftprobe nicht gerechnet hatte, vor allem den Einspruch des Literatur-Nobelpeisträgers José Saramago. Wie aber geht er mit solcher Widerrede um? Man brachte ein halbes Dutzend Manifeste und Aufrufe zustande, zu deren Unterzeichnern kubanische Intellektuelle wie Cintio Vitier, Alicia Alonso oder Chucho Valdés zählten, aber auch die Nobelpreisträger Gabriel García Márquez und Rigoberta Menchú. Darin wurden Saramago und andere als „desinformiert“ disqualifiziert und mit Vorwürfen überzogen.

Solche Erklärungen machen deutlich, dass die Linke noch einen weiten Weg zurücklegen muss, wenn sie Position gegenüber Kuba beziehen will. Für viele ist der Widerstand gegen die US-amerikanische Hegemonie oder die Verteidigung des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit immer noch gleichbedeutend mit Pro-Castrismus.

Schließlich beherrscht Castro wie kein anderer die Gemeinplätze der Linken, die er in seinem tiefsten Inneren eigentlich verachtet. Aus Havanna hört man immer wieder von „Frieden“ reden, aber während der KubaKrise 1962 zögerte der Comandante nicht, der Sowjetunion den atomaren Erstschlag für den Fall zu empfehlen, dass sein Land von US-amerikanischen Truppen angegriffen würde. Oder er sagt: „Die USA haben nicht die moralische Autorität, um Kuba Lektionen zu erteilen.“ Das stimmt, wenn man an die zahlreichen, von Washington geduldeten oder gar unterstützten Diktaturen denkt.

Kassandra macht Geschäfte

Andererseits: Wo ist Kubas moralische Autorität? Dessen Verbündete überfielen Länder, unterdrückten Bevölkerungen, organisierten Völkermorde. Man denke nur an Kubas Unterstützung für den Einsatz von Panzern in Prag 1968, an das komplizenhafte Schweigen zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 oder zuletzt zu den Verbrechen Saddam Husseins.

Nun bezeichnet Castro die hegemonialen Ambitionen der neuen US-Regierung als „Neofaschismus“ und gibt damit ein neuerliches Musterbeispiel seiner demagogischen Rhetorik. In gewisser Weise hat er ja nicht Unrecht. Allerdings fällt es schwer, wie Hans Magnus Enzensberger sagte, einer Kassandra Glauben zu schenken, deren falsche Vorhersagen immer nur ihrem eigenen Geschäft nützen. Mit seiner neuen Wortakrobatik will Castro die Aufmerksamkeit von seinem eigenen „faschistischen“ Seiten ablenken: der absoluten Kontrolle und Gleichschaltung, der inneren Unterdrückung und rücksichtslosen Verfolgung Andersdenkender.

Hinzu kommt das seltsame Bündnis zwischen Havanna, dem radikalen Flügel des kubanischen Exils und dessen Vertretern in US-Regierungskreisen. Die Mehrheit der Dissidenten, die heute in Kuba im Gefängnis sitzen, tritt für eine Aufhebung des US-amerikanischen Embargos ein, während die extreme Rechte in Miami erbitterten Widerstand dagegen leistet. Und Kuba greift immer dann zu drastischen Maßnahmen, wenn der Nachbar im Norden eine Normalisierung der Beziehungen einzuleiten beginnt. Als Bill Clinton 1996 im Kongress ein Veto gegen das Helms/Burton-Gesetz einlegen wollte (das Gesetz verschärfte das Embargo), gab Fidel Castro den Befehl, zwei Flugzeuge einer Exilanten-Organisation über internationalen Gewässern abzuschießen.

Nachdem sie vier Jahrzehnte lang mit dem Feind in Miami und Washington gekämpft hat, gleicht die Regierung in Havanna immer mehr dem Bild, das sie von diesem Feind verbreitet. Es beschwört das Phantasma einer Invasion und scheint sie damit geradezu herauszufordern. Zum Ende des Irak-Kriegs reflektierte Jürgen Habermas über die gestürzte Saddam-Statue in Bagdad. Da der Krieg ja gegen sämtliche Prinzipien des Völkerrechts geführt worden war, fragte sich der Philosoph, ob ambivalente Gefühle notwendigerweise zu widersprüchlichen Urteilen führen müssen. Beide, Castro und Bush, verfolgen hegemoniale Ambitionen: Der eine tut dies in globalem Maßstab, während der andere „nur“ sein eigenes Volk dafür hat. Beide bedienen sich einer messianischen Rhetorik und sehen sich als Vorreiter eines Kreuzzugs für eine Idee, die um jeden Preis verteidigt werden muss. Beide verstehen die Welt nach einem manichäischen Schema, in dem „die Guten“ und „die Bösen“ austauschbare Figuren sind – je nach machtpolitischem Kalkül.

Was bleibt von der „Kubanischen Revolution“? Die zuschanden gekommene Figur ihres Führers. Der Comandante hat sich verfangen in den Fallstricken seiner Fehler und Exzesse, im Labyrinth seiner eigenen Irrtümer. Sein Denkmal stürzt nicht, es erodiert.

Insel in Flammen

Der Schriftsteller Carlos Fuentes hat die Gefahr erkannt, die sich über der karibischen Insel zusammenbraut. Denn der mexikanische Romancier fragt sich, ob Fidel Castro „ein numantinisches Ende“ für Kuba im Sinn habe: die Vision von der Insel „in Flammen“, und er selbst „inmitten eines Feuersturms, im Widerstand gegen die USA“. Die tollkühne Rhetorik der Reden des Comandante, in denen er den US-Amerikanern einen Hundertjährigen Krieg prophezeit, falls sie es wagen sollten, seine Insel zu überfallen, und in denen er einmal mehr seine Bereitschaft erklärt, lieber ein ganzes Volk zu opfern, als auch nur einen Zipfel seiner Macht abzugeben, lässt die Einschätzung von Fuentes plausibel erscheinen. Wer sich für auserwählt hält, fantasiert gern von einem apokalyptischen Ende.

Um so wichtiger ist es, sich mit Nachdruck jedweder US-amerikanischen Aggression oder Verschärfung des Embargos zu widersetzen und zugleich die Aggressivität Castros gegen eine friedliche Opposition und seine systematische Verletzung der Bürgerrechte zu verurteilen. Dies ist kein Widerspruch, sondern die einzig konsequente Haltung für jene, die ein aufrichtiges Interesse an Frieden und Demokratie in Kuba haben.

Der Germanist, Übersetzer und Essayist José Aníbal Campos wurde 1965 in Havanna geboren, er lebt in Madrid. Im Frühjahr arbeitete er im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf bei Berlin an einer Reise-Anthologie über Kuba.

– Aus dem Spanischen von Oliver Lubrich.

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