Kultur : Der Dämon aus dem Untergrund

CHRISTOPH FUNKE

Kein Spiel mit anderer Leute Leben.Beim 1952 gegründeten Obdachlosentheater Ratten 07 steht jeder für sich selber ein, für das Schicksal, das er mit den anderen Akteuren teilt.Das Ensemble zeigt, was Armut und Obdachlosigkeit bedeutet.Jede Aufführung, ob sie sich auf Goethe, Büchner, Brecht, Toller oder andere bezieht, schlägt diese Wirklichkeit dem Publikum mit Zorn, Spaß und ungestümer Leidenschaft um die Ohren.Eine Energie, eine schöpferische Lust, eine Phantasie tritt zu Tage, die keine Tabus kennt.Das Spiel macht das Da-Sein derer durchschaubar, die am Rande der Gesellschaft leben, und hebt es für 90 Minuten auf, nicht durch "Verwandlung", sondern durch den überlegten Übermut, mit dem es in eine neue, andere Öffentlichkeit hineingeht.

Diesmal also (auf der Drehscheibe im Bühnenhaus der Berliner Volksbühne) "Maschinenstürmer" von Ernst Toller, ein Drama, das in England im Jahr 1815 spielt und 1922 in Berlin uraufgeführt wurde.Bei der Inszenierung geht es weniger um Interpretation, als um das Wiederfinden heute gegebener Alltäglichkeit in den Bildern einer alten Geschichte."Arbeit oder Tod", ein Zitat aus dem Stück Tollers, wird zum Leitmotiv der von Gunter Seidler (Regie), Bernd Schneider (Bühne) und Michael Barth (Kostüme) betreuten Aufführung.Und schon, wenn sieben "Weber" in flickenbunter Tarnkleidung wie die sieben Schwaben von rechts nach links über die Bühne stürmen und zugleich immer wieder zurückweichen, kommt der grimmige Spaß heraus.Keine Verbissenheit, kein hitziges Pathos tritt zu Tage, und wenn der große revolutionäre Schub vonnöten ist, dann stellt man ihn eben bewußt und tapfer künstlich her - es wird wohl wieder nichts werden, die Spieler wissen es ja.

Und so fügen sich Fragmente des Dramas mit Märchenzitaten (Hase und Igel, Rotkäppchen), mit hinreißenden Slapsticknummern und mit vielen Alltags-Texten zu einer übermütigen Szenenfolge.Biertaufe, Zeitunglesen (natürlich das "alte" Neue Deutschland), Jonglieren mit Eisenkugeln, Herumflitzen auf winzigen Wägelchen, Angriffe mit leeren Blechbüchsen rufen auch einmal die BSR auf den Plan, mit dem Wutausbruch des braven Reinigers ob seiner diskriminierten "Karre".Der Unternehmer fällt bei dem Wort "Kommunist" in einen Veitstanz, und der Arbeiter-Redner baut sich mit immer mehr Klötzen auf der Sitzbank höher und höher hinauf.Hier erreicht Abel vom Acker eine vibrierende und zugleich hintergründig komische Intensität, mit der alle großen Agitationsreden glanzvoll aus den Angeln gehoben werden.

Höhepunkt und Ende des Bühnengeschehens ist die "Zerstörung" der Maschine.Bekannt aus Castorfs "Weber"-Inszenierung, kämpft sie sich dröhnend, dämonisch aus dem Untergrund herauf, steht rasselnd da, von nett gekleideten Frauen im Liegestuhl flankiert.Plötzlich verstummt sie, und Dunkel fällt über die Szene.Kontrapunktisch dazu der Beginn: Stefan Heym verliest, in einer Videoaufnahme, die Rede Lord Byrons aus dem in freien Jamben abgefaßten Vorspiel der "Maschinenstürmer".Der greise Dichter fügt sich in faszinierender Weise in das trotzige Treiben der Spieler, bietet einen gedanklichen Ruhepunkt, der dann doch wieder in Zweifel gezogen wird.

Aber vielleicht ist bald keine Gelegenheit mehr für das Spiel.Eine einzige bezahlte Stelle wurde gestrichen, der Senat verweigert die Unterstützung.In den jubelnden Beifall für die "Ratten 07" mischte sich deshalb auch Zorn.Denn was von dem seit sieben Jahren arbeitenden, mehrfach ausgezeichneten Ensemble geleistet wird, ist bewundernswert.

Aufführungen am 13., 15.und 16.Februar, jeweils 19.30 Uhr.

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