Kultur : Der Dämon, der dich treibt

Brief an einen Freund: Volker Schlöndorff, Regisseur der „Blechtrommel“, über Grass’ Erinnerungen

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Es gibt bei diesem „Häuten der Zwiebel“ viele Stellen, die den Leser mit der unverkennbaren Wucht des gelebten Lebens packen. Es sind die Episoden, die noch in keinem Roman und keiner Erzählung von Günter Grass verarbeitet worden sind, der Tod der Mutter in der Abstellkammer eines Hospizes zum Beispiel oder die Szenen aus der ersten Ehe. Sie drängen geradezu danach, so erzählt zu werden, und ergreifen mindestens so stark wie die Kriegserlebnisse, auch ohne einen Skandal auszulösen.

Es gibt andere Häute dieser Zwiebel, deren Geschmack man schon kennt, sie sind vertraut aus der Fiktion und belegen die mal wunderlichen, mal simplen Wege der Inspiration. Vor allem zur „Danziger Trilogie“ werden eine solche Fülle von Personen und Ereignissen erinnert, dass Magisterarbeiten die Spurensuche leicht gemacht wird. Nichts ist erfunden in diesen Romanen, das habe ich schon bei der Arbeit an der „Blechtrommel“ entdeckt: Wie überbordend die Fantasie des sprachmächtigen Erzählers auch zu sein scheint, es geht alles mit rechten Dingen zu, allem liegt Erlebtes, Beobachtetes, nie Willkür zugrunde.

„Wie ich das Fürchten lernte“ heißt das einzige Kapitel von „Beim Häuten der Zwiebel“, über das bisher gesprochen wird. Es liest sich wie ein böses Märchen, aber Grass ist kein Bruder Grimm, eher ein Grimmelshausen, dem es beim Schreiben über den Krieg vor allem um den Schrecken geht. So auch hier, als er unter einem Panzer verkrochen zum ersten und letzten Mal die hässliche Musik einer Stalinorgel hört und von einem Augenblick auf den andern das Fürchten lernt. Der bis dahin abenteuerlustige Bengel und seine Hose machen diese schmutzige Erfahrung so gründlich, so krass wie nur irgend ein Simplicissimus, von den Jungen auf Bernhard Wickis „Die Brücke“ bis zu Michel Tourniers Zöglingen in seinem „Erlkönig“, meinem „Unhold“. Es sind so genannte Verführte oder blinde Halbstarke, die sich selbst nicht begreifen, die keine Fragen stellen, bis es zu spät ist und es ihnen ob der behaupteten Unschuld an den Kragen geht.

Wieder und wieder fragt der alte Grass den Jüngeren fassungslos, warum er damals nie nachgefragt habe, sich nicht wenigstens gewundert habe, sich später an nichts erinnern wollte, als das eigene Gewissen ihn zur Rede stellt. Er führt an seinem eigenen Beispiel vor, wie es möglich war, dass inmitten eines zivilisierten Volkes passieren konnte, was wir bis heute nicht begreifen können – immer auf der Suche nach Antwort auf diese eine große Frage des vergangenen Jahrhunderts.

Das Bild der zerfetzten Glieder und des hingemähten Birkenwäldchens, das sich dem heulenden Elend des Erzählers bietet, als er unter dem schützenden Panzer hervorkriecht, wird in der Literatur von nun an seinen Platz haben. Es ist teuer erkauft, denn das Ich, das sich da als Er ausgibt (oder umgekehrt), behauptet, kein Erfundenes zu sein, sondern erlebtes Leben zu erinnern, weshalb Ross und Reiter benannt werden müssen. In diesem Fall sind das nicht nur Ort und Tag der Handlung, sondern auch die Waffengattung.

Es scheint unglaublich, dass keiner der sonst so neugierigen Biografen und Journalisten Grass’ Mitgliedschaft bei der Waffen-SS bisher recherchiert hatte, so dass der Autor uns getrost hätte in die Irre führen können, um uns mit unserem eigenen Schrecken zu erschrecken. Warum hat er also die Maschine in Gang gesetzt, die nun sein Denkmal zu feinem Staub zermahlt? Späte Gewissensbisse, die moralische Not, reinen Tisch zu machen, eine Beichte mit aufklärerischem Impetus wie bei Augustinus oder Rousseau?

Bis dato hatte er meist Fiktion geschrieben, Romane und Erzählungen, denen keiner ihre Wahrhaftigkeit streitig machte. In einem Roman bedarf es keines Beweises von außen, er folgt nur seinen eigenen inneren Gesetzen. Doch da es nun keine Fiktion sein sollte, sondern eine Erinnerung an Tatsächliches, war der Nachweis zwingend, nicht wegen irgendeiner Moral, sondern aus dem Gesetz der Kunst.

Einem so Medienerfahrenen wie Dir, lieber Günter, passiert das natürlich nicht aus Versehen, noch weniger aus Fehleinschätzung der Konsequenzen oder gar aus Kalkül: den Strick gleich mitliefern … Sondern einmal mit dem Schreiben außerhalb der Fiktion angefangen, blieb Dir aus Gründen des Stils nichts anderes übrig, als auch Dir selbst und nicht nur der Zwiebel die Haut abzuziehen. Du als Autor unterwirfst also einfach Dein eigenes Erzählen wie sonst das Deiner fiktiven Helden dem einzigen Dir heiligen Gesetz, nämlich dem der Kunst. Und wenn dabei ein durch lebenslange Arbeit entstandenes öffentliches Monument zu Bruch geht, so kannst Du dafür nicht.

Das Monument ist Opfer des gleichen Dämonen, der schon immer in Dir rumort, die Trommel rührt und mit dem falschen Takt Unruhe stiftet und ohne den Du keine Zeile je geschrieben, keinen Strich je gezeichnet hättest. Ich wünsche Dir, es als eine große Befreiung zu empfinden, nicht mehr als lebendes Denkmal auftreten zu müssen, nie mehr vom Sockel oder ex cathedra zu sprechen und endlich selbst die Narrenfreiheit Deiner erfundenen Helden zu haben.

Volker Schlöndorff (67) lebt als Film- und Opernregisseur in Potsdam. 1980 wurde er für die Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ mit dem Oscar ausgezeichnet. In der Tournier-Adaption „Der Unhold“ (1996) beschäftigte er sich mit der Verführbarkeit der NS-Jugend. Sein nächster Film „Strajk – Die Heldin von Danzig“ erzählt von der polnischen Solidarnosc.

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