Kultur : Der Dampf geht weiter

Glamour und Terror: „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek in Hamburg uraufgeführt

Katrin Ullmann

Um „vier Stück Frau“, so Elfriede Jelinek, um vier Königinnen geht es in ihrem jüngstem Theatertext: zwei historische – Maria Stuart und Elisabeth I., und – österreichisch gesagt - zwei „angemaßte“: Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Nicolas Stemann, nach seinen Inszenierungen von „Das Werk“ (2003) und „Babel“ (2005) ein echter Jelinek-Fan und Experte („Ich kann nichts anderes mehr“) hat „Ulrike Maria Stuart“ am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt.

Ein Skandal drohte, die Journalistin Bettina Röhl, Tochter der Meinhof, hatte eine öffentliche Probe besucht und sah ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Juristen wurden eingeschaltet, einige Änderungen am Stück vorgenommen. Regisseur Stemann wies drauf hin, das Stück sei „vor allem Satire“. Das „Königinnendrama“ ist, wie immer bei Jelinek, ein Sprachungetüm. Am Anfang blättert sich Sebastian Rudolph mit Trenchcoat und Ulrike-Meinhof-Perücke unterm Arm vor dem Vorhang durch das dicke Textbuch, spielt mit spitzer Stimme abwechselnd Meinhof und die ängstlichen Prinzen im Tower, sucht vergeblich einen Anfang für fürchterlich viel Text. Andreas Döhler und Felix Knopp kommen hinzu, skandieren „Information war damals Diskussion“ und „Das Umbringen ist für Vieles eine Lösung“ und sind auch mal Ulrike.

Der Witz winkt hier mit dem Zaunpfahl, der Vorhang öffnet sich für einen Kinotrailer: „Der Untergang 2 – die letzten Tage von Stammheim“ wird angekündigt, mit Susanne Wolff als Meinhof und Judith Rosmair als Ensslin. Zwei Königskinder, zwei ungleiche Schwestern, verkopft, kühl und tragisch die eine, aktionistisch, modebewusst und zickig die andere. Wolff und Rosmair liefern sich ein großartiges, nicht enden wollendes Machtduell. Sie spielen verbissenes Rivalinnentennis, flöten sich – in elisabethanischen Prachtkostümen – gegenseitig in Grund und Boden, springen um die Wette über die Showtreppe und buhlen um die Gunst von Andreas Baader, den Peter Maertens als gealterten Kotzbrocken verkörpert.

Abziehbilder und Aufsagemännchen sind die Köpfe der RAF bei Nicolas Stemann, er zeigt sie cool und verzweifelt, mischt den Jelinek-Text mit aktuellen Phrasen aus Wirtschaft und Politik. Die Terroristen tragen sexy Sonnenbrillen und Lederjacken, und im Theater gibt es für sie sogar ein Leben nach dem Tod. Katharina Matz tritt als greise Gudrun und Elisabeth Schwarz als gehbehinderte Ulrike auf, Mitleid erregende Greisinnen. Sie sind so gebrechlich, dass sie die fahrende Drehbühne nur mit Gehhilfe betreten können. Ergraute Terroristen statt tragisch verstorbener Ikonen: Das ist eine gute Regieidee, mit der Stemann den Mythos unterläuft, doch leider auch die einzige. Der Rest des Abends zieht als ein mehr oder weniger unterhaltsamer Bilderbogen vorüber.

Wenn später die RAF-Gruppendynamik unter dem permanenten Königinnenstreit leidet und außer Posen und Parolen nichts mehr zustande kommt, wird die Inszenierung so willkürlich wie langatmig. Stemann lässt seine Darsteller Wasserbomben bauen und samt Plastikschutzfolien im Publikum verteilen. Eine Wasser- und Farbschlacht beginnt, die Schauspieler matschen, rutschen, schreien, Judith Rosmair schreitet traumverloren durch das Chaos, schwärmt von den Toten und murmelt „der Kampf geht weiter“. Ein bisschen Trash, ein bisschen Ernst und noch mehr Musik: Nicolas Stemann verliert sich zu sehr in Details, Schauspielspaß und Kleinigkeiten. Von einem übergreifenden Regiekonzept, wirklich böser Satire oder auch nur vagen Bezügen vom deutschen Herbst zur Gegenwart fehlt jede Spur.

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