Kultur : Der Dandy verrät für ein Bonmot seinen Freund

ULRICH DEUTER

"Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer", seufzte einst Oscar Wilde, "auf dem hohen Niveau meines blauen Porzellans zu leben." Thirza Bruncken, die Fachregisseurin für Handlungsloses und Spezialistin für kalte Komik, hat sich schon so manchen glasierten Geschirrs als ebenbürtig erwiesen, und so sollte es eigentlich einen scharfen Klang ergeben, wenn sie und Oscar Wildes "Bunbury" in den Bonner Kammerspielen zusammenstoßen.

Dies tut es zunächst auch, die Stimmung ist sofort getroffen: gutgelaunt herzlos, und Andreas Schröders bezeugt auch mit jedem Zoll der nachlässigen Straffheit seines Algernon, daß der vollendete Dandy sich nicht in der Korrektheit der Kleidung oder der geräuschlosen Art, Gurkenschnittchen zu verzehren, erweist, sondern in der glitzernden Arroganz seiner Ansichten, seiner Bereitschaft, für ein Bonmot den Freund zu verraten, seinem lakonischen Zynismus.Schröders liefert die genialen Pointen Wildes nicht ab, er verfügt über sie wie über den Spott seiner Augenbrauen.Auch Barbara Nüsse als Lady Bracknell, in der Uniform eines matrimonialen Wachoffiziers steckend und die eigene Hochfahrenheit mit einer Spur Säuerlichkeit garnierend, verkörpert die Gesellschaftsarrangeurin, die Ingenieurin des Beziehungstriebwerks aufs allerbeste und muß nicht die Komische Alte sein.Kurz, wir sehen das Furchtbarste, was man aus Wilde machen kann, nicht: den Boulevard.Und wenn Johanna Wokalek als Tochter Gwendolen - auf der Stirn den Baby-Zorn, am Leib das Business-Kostüm, in der Gestik die perfekt erlernte stählerne Leichtigkeit - verrät, daß hinter dem ästhetizistischen Superspleen, unbedingt einen Mann, egal wen, namens Ernst heiraten zu wollen, die strategische Erfolgsplanung steckt - ja dann ist die Inszenierung sogar kritisch heutig.

In "The Importance of Being Earnest" (Originaltitel) geschieht nichts; außer dem erwähnten Ernst-Spleen zweier junger Mädchen (Gwendolen und Cecily) sowie dem "Bunburysieren" zweier junger Männer (Algernon und Jack), also dem Erfinden von Personen wie Mr.Bunbury, zu denen sie, möglicher Extratouren wegen, hinfliehen können.Was geschieht, ist Sprache: eine Kaskade verschwenderisch nutzloser Aphorismen und paradoxer Aperçus.

In diesem vollkommen glänzenden Schein mag Thirza Bruncken sich bei ihrem Einstand in Bonn selbst erblickt haben, vielleicht hat sie angesichts der Wildeschen Perfektion semantischer Flächigkeit, an der es nichts zu dekonstruieren gibt, der Mut verlassen.Jedenfalls schwinden nach dem ersten Akt Rhythmus und Schärfe, die Mattheit des übrigen Bühnenpersonals beleuchtet fortan das Bild, in die Figur der Cecily schleicht sich gar - poor Wilde! - Psychologie.Eine Chance für das Bühnenbild Jens Kilians, vor allem den Garten Jacks: eine supersaftige Werbewelt mit glücksgrünem Rasen, Minibäumen und Riesenblumen, über denen ein Plastikhimmel von Grün zu Rosa changiert.Hier wird das Obst nicht gepflückt, sondern angebracht - 90er-Jahre Design und die künstlichen Paradiese des Symbolismus fallen in eins.Wie stillos, daß Bruncken ausgerechnet bei Wilde die Angst vor der eigenen ästhetischen Arroganz ergriff, die sie sonst, zuletzt in ihrem Düsseldorfer "Frankenstein", so verläßlich bewies.

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